Hörbuch-Rezension: Oxen - Das erste Opfer | Jens Henrik Jensen

Donnerstag, 28. Dezember 2017 0 Kommentare

Dänischer Rambo im diplomatischen Porzellanladen


Niels Oxen, ein hochdekorierter, aber schwer traumatisierter Elitesoldat, lebt fernab der Zivilisation zurückgezogen im Wald. In der Einsamkeit hofft er, seinen inneren Dämonen zu entfliehen. Das Gegenteil passiert, als er nach einem nächtlichen Besuch des nahegelegenen Schlosses Nørlund Slot zum Hauptverdächtigen in einem Mordfall wird: Ein Ex-Botschafter und Gründer eines einflussreichen Think Tanks wurde dort zu Tode gefoltert. Als sich auch noch der dänische Geheimdienst einschaltet, bleibt Oxen nichts anderes übrig, als selbst zu ermitteln, um seinen Kopf noch aus der Schlinge zu ziehen. Ein Kampf David gegen Goliath beginnt. [Text & Cover: © Der Audio Verlag]

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Nach zwei brutalen Morden gleich zu Beginn des Romans, obligat, um die Handlung anzustoßen und das Interesse zu wecken, taucht die Hauptfigur vor dem geistigen Auge des Lesers auf. Oder vielmehr: Sie wankt ins Bild. Niels Oxen, hochdekorierter Elitesoldat, mittlerweile nur mehr ein Abglanz der einstigen Heldenfigur, durchstreift das Land mit seinem Hund. Er ist verwahrlost, dreckig, im Umgang mit anderen Menschen aus der Übung geraten. Seine größte Leistung besteht mittlerweile darin, seine Aggressionen zu unterdrücken, die militärisch antrainierte Disziplin reicht gerade noch dafür aus, im richtigen Moment die Zivilisation nicht mit dem Schlachtfeld zu verwechseln. Seine Seele ist gezeichnet von Traumata, die ihn immer wieder heimsuchen, immer wieder als Flashbacks über ihn hereinbrechen.

Dieser Mann wird nun damit beauftragt, den Mord an einem hochrangigen dänischen Diplomaten aufzuklären ... auf den ersten Blick wohl nicht die günstigste Wahl. Im Verlauf des Romans durchläuft er eine äußerliche wie charakterliche Wandlung, die mit der Veränderung seines Erscheinungsbildes beginnt und ihn schließlich sogar wieder Vertrauen zur ihm zugeteilten Partnerin, Margarethe Franck, fassen, ihn sich in ganzen Sätzen artikulieren läßt. Diese charakterliche Entwickung stellt einerseits implizit einen Teil der Handlung dar. Andererseits ist die Bewährung, die Heilung einer verwundeten Seele ein bekanntes Erzählmotiv, das im konkreten Fall dazu dienen soll, die Distanz zwischen Leser und Figur zu verringern. Jedoch wird dieses Ziel nur bedingt erreicht, zu weit bleibt der unberechenbare ehemalige Soldat von einer sympathischen Identifikationsfigur entfernt. Bis zuletzt bleibt Oxen ein Actionheld, den man wie in einem Film gerne dabei beobachtet, wie er gegen seine Widersacher vorgeht, dem man jedoch nicht persönlich begegnen möchte.

Mit dieser kontroversiellen Figur, einem dänischen Rambo, weist der Autor auf Kriegsheimkehrer hin, die nach unvorstellbaren Erlebnissen unter posttraumatischen Belastungsstörungen leiden. Wie geht eine Gesellschaft mit jenen Mitgliedern um, die im Dienst eben dieser stehen und deren Aufgaben leicht verdrängt werden? Welcher Platz ist für sie vorgesehen, wenn sie nicht mehr in der Lage sind, eine zivile Beschäftigung zu verrichten? Auf der Flucht vor den Geistern seiner Vergangenheit, sieben Menschen, die im Krieg brutal hingerichtet wurden, durchstreift Niels Oxen ziellos die Wälder, um resignierend festzustellen, daß sie längst mit seiner Persönlichkeit verwachsen sind.

Der ihm zugewiesene Auftrag, der rote Faden der Geschichte, bietet Oxen schließlich die Möglichkeit einer rudimentären Rehabilitation. Die Morde an hochrangigen Mitgliedern der dänischen Gesellschaft führen von delikaten Affären zu brutalen Verbrechen mit Verbindungen in höchste politische Kreise und somit beträchtlicher Sprengkraft. Die Erzählung selbst erfolgt geradlinig, immer wieder lockern schnell geschnittene Actionszenen die Ermittlungen auf. Überraschende Wendungen bleiben aus, stattdessen legt der Autor für den Leser deutlich sichtbare Spuren aus und bereitet ihm somit das Vergnügen, den Fall selbst zu lösen. Die sukzessive Entwicklung der Geschichte von einer Mordserie, die zu einem politischen Ränkespiel konspirativen Ausmaßes führt, in der anfangs Verbrecher aus persönlichem Rachedurst schließlich von professionellen Geheimdienstagenten abgelöst werden, treibt dabei die Spannung auf die Spitze. Diese Methode ist nicht originell, aber höchst unterhaltsam und bewährt. Schließlich beläßt der Autor entscheidende Fragen unbeantwortet, um die Neugier auf die bereits angekündigten Folgebände zu wecken.

Dietmar Wunder als Sprecher des Hörbuches unterstreicht den Charakter des Romans als spannende Verschwörungsgeschichte. Die dänischen Eigennamen in überschaubarer Zahl bilden dabei keine rhetorischen Fremdkörper und können leicht memoriert werden. In neutraler Erzählstimme führt Wunder durch die Handlung, akzentuiert jedoch routiniert emotionale Szenen. Beim Tod von Oxens Hund zeichnet er weich und immer langsamer den Weg des Soldaten in ein Delirium aus Alkohol und Trauer. Ein spontaner Wutausbruch der Hauptfigur hingegen läßt den Hörer ob der plötzlichen geballten Aggressivität erschauern.

Persönliches Fazit:

"Oxen - Das erste Opfer" ist ein nach bewährten Mustern rasant geschnittener Verschwörungsthriller mit einer problematischen Hauptfigur und dem Wiedererkennungswert eines Samstagabend-Actionfilms.

© Rezension: 2017, Wolfgang Brandner


Jens Henrik Jensen | Oxen - Das erste Opfer | Der Audio Verlag
Aus dem Dänischen von Friederike Buchinger
2017, Ungekürzte Fassung, 2 MP3-CDs, 13h 25 min, ISBN: 978-3-7424-0204-2

[wolfgang]  

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