Rezension: Die Rache der Mercedes Lima | Arnoldo Gálvez Suárez

Dienstag, 12. Dezember 2017 1 Kommentar



Guatemala-Stadt, Ende der 1980er Jahre: Der Geschichtsprofessor Daniel Rodríguez Mena wird auf offener Straße erschossen. Er hinterlässt seine Frau und zwei Söhne. Es herrscht Bürgerkrieg, täglich verschwinden oder sterben Menschen. Wie unzählige andere bleibt auch dieser Mord ungeklärt. Etwa 25 Jahre später bemerkt sein Sohn Alberto im Supermarkt eine Frau, die er sofort wiedererkennt: Mercedes Lima, eine ehemalige Studentin seines Vaters. Schlagartig kehrt die Erinnerung an dessen gewaltsamen Tod zurück und er beschließt, ihr zu folgen – ist sie doch die Einzige, die die Hintergründe kennen könnte. Nie hat Alberto erfahren, ob sein Vater von der Junta exekutiert oder Opfer eines Eifersuchtsdramas wurde, in das auch eine junge Frau mit „sehr langem, schwarzem und glänzendem Haar" verwickelt war. [© Text und Cover: Edition Büchergilde]

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Eines der wichtigsten Dinge beim Lesen ist für mich die Möglichkeit, im Geiste in ferne Welten oder Länder zu reisen. Mit Arnoldo Gálvez Suárez' Roman geht es nach Guatemala, ein Land, von dem ich eigentlich kaum etwas weiß. Umso gespannter war ich darauf, etwas über die Verhältnisse dort und über die Mentalität der Menschen zu erfahren.

Der Ausgangspunkt des Buchs ist der Mord an Daniel. Was waren die Gründe für dieses eiskalte Verbrechen? Sein älterer Sohn Alberto war damals neun Jahre alt. Über die Tat hat seine Mutter nie mit ihm gesprochen. Das wird wohl einer der Gründe sein, wieso er damit nicht abgeschlossen hat. Als er dann viele Jahre später zufällig Mercedes wiedererkennt, hofft er, durch sie die Wahrheit zu erfahren.



Es sind zwei Handlungsstränge, die sich durch das Buch ziehen. Zum einen wird über Daniel erzählt, als er noch am Leben war. Zum anderen von Alberto heute, wie er die tatsächlichen Vorgänge von damals aufzudecken versucht. Dabei greift der Autor zu einem cleveren Trick: Daniels Kapitel werden in der dritten Person erzählt, während Alberto aus der Ich-Perspektive berichtet. Da weiß ich als Leser gleich, mit wem ich es gerade zu tun habe. Trotz der zeitlichen Differenz verbinden sich die Erzählstränge gekonnt miteinander.

Guatemala war in den Achtzigern offensichtlich ein recht instabiles Land. Das Militär, die Politiker, linke Revolutionäre und kriminelle Organisationen verfolgten ihre Interessen auch mit Gewalt. Eine oppositionäre Meinung war da schon lebensgefährlich. Über einen erschossenen Professor wunderte sich da niemand. Aber auch heute sind die sozialen Verhältnisse nicht die besten. Alberto ist bedrückt, wenn er auf die Armenviertel blickt oder bettelnde Kinder beobachtet.

„Kaputte Kinder, die zitternd auf den erstbesten Fahrer warten, der wegen Benzin oder Zigaretten oder einem Kaffee anhält, und von ihm ein paar Münzen erbetteln, für die ihnen eine andere schmutzige Hand mit langen Fingernägeln, von Messernarben und schwarzer Tinte gezeichnet, ein Tütchen mit ausreichend Klebstoff gibt, um den ganzen Tag ohne Hunger zu überstehen." (S. 34)



Wir Mitteleuropäer halten die Mittel- und Südamerikaner ja typischerweise für heißblütiger als unsere oft eher nüchterne, rationale Art. Das bestätigt sich in diesem Buch, wenn die Protagonisten ihr Handeln selbst nicht erklären können. Mal herrscht eine Atmosphäre von Angst, Scham und Trauer vor, oft werden sie aber von ihrer Leidenschaft geleitet. Getragen wird das von Arnoldo Gálvez Suárez' wunderbarem Schreibstil. Dass sein Roman mit einem Literaturpreis ausgezeichnet wurde, wundert mich nicht. Die Balance von persönlicher Ebene, dem Einfluss der Umstände und der Schreibart ist außerordentlich gut gelungen.

Persönliches Fazit

Arnoldo Gálvez Suárez blickt tief in die Herzen und Seelen seiner Protagonisten. Die Verbindung ihrer Leidenschaften mit den Gegebenheiten und einem gut eingefädelten Plot hat mich sehr gefesselt. „Die Rache der Mercedes Lima" ist ein starkes Stück lateinamerikanischer Literatur.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Die Rache der Mercedes Lima | Arnoldo Gálvez Suárez | Edition Büchergilde
Aus dem guatemaltekischen Spanisch von Lutz Kliche
2017, gebunden, 336 Seiten, ISBN: 9783864060854

[marcus]

1 Kommentar:

  1. Tolle Geschichte, die tiefe Einblicke gewährt, aber dennoch nicht künstlich wirkt.
    Liebe Grüße
    Joel von Büchervergleich.org

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