Rezension: Winterschwimmer | Alexander Osang

Freitag, 17. November 2017 0 Kommentare

Weihnachtsgeschichten in urbaner Vielfalt


In Alexander Osangs Weihnachtsgeschichten haben die Protagonisten ihre besten Jahre hinter sich, wenn sie überhaupt je beste Jahre hatten. Da ist der Immobilienmakler, der am Weihnachtsabend seine eigene Wohnung vermittelt. Oder die bekannte Fernsehmoderatorin, die sich beim Saunieren ausschließt und, nur mit einer Mülltüte bekleidet, hofft, dass ihr jemand die Tür öffnet. Und da ist ein Geschäftsführer, der verzweifelt versucht, sein Jackett aus dem Altkleidercontainer zu fischen, denn die Kette, das Weihnachtsgeschenk für seine Frau, steckt noch in der Tasche. Mit seinen Geschichten fängt Alexander Osang Fallende und Gefallene ein. Weihnachten zeichnet er nie als pompöses oder grundgutes Fest. Er versteht es als eine Zeit der Inventur, da man überprüft, was eigentlich noch im Regal des Lebens steht. Oft steht, ganz hinten, etwas Bemerkenswertes. [© Text und Cover: Aufbau Verlag]

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Jedes Jahr schreibt Alexander Osang eine Weihnachtsgeschichte, vierzehn davon sind in diesem Band enthalten. Was mich neugierig gemacht hat war, dass es sich nicht um rührselige Erzählungen handelt, wie sie gerne passend zur Adventszeit veröffentlicht werden. Die Darsteller sind Leute, die nicht besonders auffallen. Die Einblicke in ihr Leben lassen erkennen, dass die meisten von ihnen recht einsam sind, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so erscheint. Sie kämpfen um ihre Existenz, auch wenn sie längst auf dem absteigenden Ast sind. Oder sie müssen sich damit abfinden, dass ihre Beziehung vorbei ist. Das erzeugt oft einen melancholischen Grundton, dem ein tapferes, stilles Weitermachen mit einer dezenten Hoffnung gegenübersteht.



Osangs Geschichten sind in und um Berlin angesiedelt, dem Zentrum deutsch-deutscher Geschichte. Das tangiert einige der Protagonisten. Mal ist es eine Managerin aus dem Westen, der der Sinn des Karrierestrebens und des Kapitalismus verloren geht, mal ein Ostdeutscher, der sich noch immer nicht an die neuen Gegebenheiten gewöhnt hat. Aber auch aktuelle Themen spielen eine Rolle wie beispielsweise der Terroranschlag vom Breitscheidplatz.

„Er dachte an den Angstforscher, der im Radio erzählt hatte, dass er jetzt auf den Weihnachtsmarkt gehen würde, obwohl er Weihnachtsmärkte nicht mochte. Mussten wir mit dem Luftgewehr auf Papierblumen schießen, kandierte Äpfel essen und Kettenkarussell fahren, bis uns schlecht wurde? Als Zeichen gegen Terrorismus? Durfte man schon lachen, oder musste man bereits lachen?" (S. 114)

In der Adventszeit wünschen wir uns doch alle Zufriedenheit und eine Wohlfühlatmosphäre. Dass das in Wahrheit oft anders aussieht, zeigt uns Alexander Osang auf. Seine Geschichten spielen alle zur Weihnachtszeit, in der Wünsche und Sehnsucht noch deutlicher zu Tage treten als sonst. Er beschreibt das sachlich und unemotional und ist dabei ein feinsinniger Beobachter. Wer in jeder einzelnen Geschichte eine große moralische Erkenntnis erwartet, wird allerdings enttäuscht. Die drängt sich keineswegs auf. Bei der einen oder anderen Erzählung habe ich mich schon gefragt, was mir der Autor sagen will, da ist bei mir nichts hängengeblieben. Dass jede der vierzehn Geschichten für mich die Büchse der Pandora öffnet, wäre auch etwas zu viel erwartet.

Persönliches Fazit

Alexander Osang beweist sich als feinsinniger Beobachter seiner Berliner Protagonisten. Zwar konnte mich nicht jede seiner Geschichten fesseln, wer aber in der Adventszeit etwas lesen mag, das nicht auf die Tränendrüsen drückt und klug geschrieben ist, sollte einen Blick in „Winterschwimmer" werfen.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Winterschwimmer | Alexander Osang | Aufbau Verlag
2017, gebunden, 240 Seiten, ISBN: 9783351036881

[marcus]

Rezension: Teufelskälte (Ein Fall für Tommy Bergmann 2) | Gard Sveen

Mittwoch, 15. November 2017 0 Kommentare

Vor dem Lesen auftauen.


Oslo, 1988. Der eiskalte Winter hat die Stadt fest im Griff, als der junge Kommissar Tommy Bergmann einen grausigen Fund macht: Im Wald liegt, halb unter Schnee begraben, die brutal verstümmelte Leiche einer jungen Frau. Sie ist die erste in einer langen Reihe von Morden. Die Spur führt Tommy Bergmann in den einsamen Norden Norwegens. Jahrzehnte später, Tommy Bergmann ist inzwischen dafür bekannt, selbst die schwierigsten Fälle zu lösen. Doch sein erster Mordfall bereitet ihm bis heute Alpträume. Auch wenn er den Mörder eigentlich sicher verwahrt hinter Gittern weiß. Ein neuer Leichenfund lässt seine schlimmsten Befürchtungen wahr werden: Wieder ist eine junge Frau gestorben, und alles sieht aus wie damals. Ein Nachahmer? Oder hat er den Falschen verhaftet und dafür gesorgt, dass ein bestialischer Mörder seit Jahren frei herumläuft?
[Text & Cover: Ullstein Buchverlage]

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Der Titel sagt es bereits: Es ist kalt. Die Welt des Romans von Gard Sveen ist ein düsterer, unwirtlicher Ort, an dem jede jede menschliche Geste, jedes seltene Lächeln wie ein einsames Lagerfeuer in einer eisigen Wüste wirkt, kaum in der Lage, jene zu wärmen, die sich darum kauern. Anhaltender Schneefall erzeugt eine bizarre, monochromatische Landschaft, deckt Worte, Geräusche, Gefühle zu.

"Tommy Bergmann dachte für einen Moment, dass es tief im Wald keine Farben gab und die Sonne nicht einmal im Sommer bis hierher vordringen würde (...)." (S. 11)

Dabei prägen nicht nur die niedrigen Umgebungstemperaturen eine unwirtliche Landschaft, besonders grausam ist die menschliche Kälte, die sich in grausamen Morden, wie jenen an der jungen Kristiane, sechzehn Jahre vor der eigentlichen Handlung des Romans, manifestiert. Doch wenn jede Tat, mit der Kommissar Bergmann konfrontiert wird, die Raumtemperatur senkt, gibt es keine Cold Cases. Gard Sveen schreibt seine Geschichte mit der Tinte tiefer Trostlosigkeit:

"Die Welt war so schlecht, so armselig und so wenig zu verstehen, dass ihre Existenz in sich schon ein Beweis dafür war, dass es keinen Gott gab." (S. 176)

Auch auf formaler Ebene gestattet es der Autor in seinem zweiten Roman seinen Lesern nicht, rasch mit seiner Geschichte warm zu werden. Eine Vielzahl norwegischer Namen gilt es vorerst im Gedächntnis zu halten, ehe sich die Hauptfiguren als solche zu erkennen geben. Einer internationalen Leserschaft sind Namen wie Halgeir Sorvaag oder Arne Furuberget gewiß weniger geläufig als dem Autor selbst. Die Perspektiven wechseln außerdem von Kapitel zu Kapitel, wobei jeweils erst nach einigen Sätzen erkennbar wird, aus wessen Sicht die aktuellen Ereignisse geschildert werden. Dadurch muß sich der Leser jedes Mal die gedankliche Orientierung neu erarbeiten, als müßte man auf einer ohnehin beschwerlichen Wanderung im winterlichen Halbdunkel an jeder Gabeldung denn Wegweiser von seiner weißen Last befreien. Gerade der Beginn des Romans gleicht damit eher dem Haltsuchen auf einer eisigen Felswand als einer rasanten Schlittenfahrt ins Tal.

Ähnliches gilt für den Aufbau der Spannung: Der Autor läßt sich Zeit, seine Bühne aufwendig auszugestalten, bevor diese bespielt werden kann. Der Leser lernt die schauderhaften Einzelheiten des Falles und die teils furchteinflößenden, teils gebrochenen Persönlichkeiten kennen, die daran beteiligt gruppiert sind. Sind jedoch erst die Ausgangssituationen definiert, die Beziehungen der handelnden Personen zueinander abgesteckt, entwickelt sich die Geschichte wie eine Kettenreaktion dem Finale entgegen. Das Buch scheint somit tiefgefroren beim Leser einzutreffen, taut langsam auf und versengt schließlich die Finger beim Blättern, wenn die erzeugten Konflikte sich entladen.

Als entscheidender Brandbeschleuniger dieser Kettenreaktion wirkt dabei Kommissar Tommy Bergmann. Er ist wegen häuslicher Gewalt in psychologischer Behandlung und somit alles andere als eine bequeme Identifikationsfigur. Er ist kein schlitzohriger Playboy, sondern schlicht jemand, der seine Aggressionen nicht unter Kontrolle hat. Er ist zielstrebig und effizient in seinen polizeilichen Ermittlungen, die Redewendung vom "Herz am rechten Fleck" kann jedoch auf ihn nicht angewendet werden.
Ihm gegenüber ist Anders Rask als Antagonist plaziert, ein ehemaliger Lehrer, der aufgrund der Morde in der Vergangenheit verurteilt wurde und seine Strafe in der Sicherheitsabteilung einer psychiatrischen Klinik verbüßt. Er ist ein hochintelligenter, narzißtischer Psychopath, der von einer Aura permanenter Bedrohung umgeben wird. Er liebt nichts mehr, als sein Gegenüber mit taxierendem Blick aus dem Gleichgewicht zu bringen, diesem das Gefühl zu vermitteln, jederzeit tödliche Gewalt anwenden zu können. In einer Art heimlichem Höhepunkt des Romans kommt es schließlich zur unvermeidlichen Konfrontation der beiden Persönlichkeiten, die an "Das Schweigen der Lämmer" erinnert. Bei dem waffenlos ausgetragenen Duell kämpft Rask in der sterilen Welt der Klinik auf vertrautem Boden, dominiert die Situation, ehe schließlich ...

Die dritte exponierte Persönlichkeit schließlich ist Elisabeth Thorstenson, Mutter des ersten Mordopfers aus 1998, Kristiane. In ihr manifestiert sich die zu eisigem Wahnsinn gefrorene Verzweiflung. Der Verlust des geliebten Menschen hat tiefe Wunden geschlagen, die keine Zeit mehr heilen kann. Ihrem Schicksal kann sich der Leser am allerwenigsten entziehen, wenn sie seitenlang alle Nuancen ihrer Depression durchlebt, wenn ihr Sehnen nach Seelenfrieden zu einem dauerhaften Schmerz wird. Nur ein Beispiel dazu:

"Elisabeth Thorstensen setzte sich inmitten des Zeitungschaos auf den Boden und begann mit den Fingern durch die Seiten zu wühlen, als glaubte sie, Kristiane darunter finden zu können." (S. 177)

Persönliches Fazit

"Teufelskälte" von Gard Sveen hält treu seinem Titel wenig Licht und wenig Wärme für den Leser bereit, Winterkleidung oder Wolldecke werden also zum Lesen empfohlen. Der spannungsgeladene Aufstieg zum Gipfel des Wahnsinns ist beschwerlich, doch oben angekommen, erwartet der Ausblick auf ein explosives Finale.

© Rezension: 2017, Wolfgang Brandner


Teufelskälte (Ein Fall für Tommy Bergmann 2) | Gard Sveen | Ullstein Buchverlage
Aus dem Norwegischen übersetzt von Günther Frauenlob.
2017, Hardcover Klappbroschur, 416 Seiten, ISBN: 9783471351499

[wolfgang]  

Rezension: Unsere Frau in Pjöngjang | Jean Echenoz

Montag, 13. November 2017 0 Kommentare



Constance, attraktiv, ungebunden, einem Abenteuer nicht abgeneigt, wird überfallen und verschleppt – im Auftrag des französischen Geheimdienstes: Sie soll die Schlüsselrolle in einer riskanten Mission spielen. Ziel: die Destabilisierung Nordkoreas. Constance erweist sich als Idealbesetzung und läuft in Pjöngjang als Geliebte eines hochrangigen Funktionärs zur Hochform auf. Doch als ihre Entführer plötzlich versuchen, ihr zur Flucht zu verhelfen, läuft alles aus dem Ruder. Einige Verfolgungsjagden und Schießereien später weiß niemand mehr, wer hier welche Strippen zieht und warum. "Unsere Frau in Pjöngjang" ist in jeder Zeile beides: Agentenroman und dessen Unterwanderung – und vor allem ein grandioses Spiel. [© Text und Cover: Hanser Berlin]

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Normalerweise hat man bei Spionagegeschichten doch das Gefühl, dass die Beteiligten ganz selbstsicher genau wissen, was sie tun. Bei den Strippenziehern und ihren Handlangern in diesem Roman ist das nicht immer der Fall. Eine Frau entführen, um sie zur Spionin zu machen? Das kann doch niemals funktionieren! Bei dieser Persiflage auf klassische Spionagethriller geht das sehr wohl. Da gibt es einige Entscheidungen, die nur über Umwege zum Erfolg führen. Jean Echenoz hat offensichtlich einen Mordsspaß daran, seine Figuren ihrem Schicksal zuzuführen. Es scheint so, dass keiner von denen wirklich den Durchblick hat, jeder versucht in seinem Sinne das Richtige zu tun. Ihre dabei enttarnten Schwächen machen die Protagonisten sehr sympathisch.




Die eigentliche Geschichte ist gar nicht das Wesentliche des Buchs, die wäre schnell erzählt. Es dauert auch fast zweihundert Seiten, bis man nach Nordkorea aufbricht. Die Vorbereitungen bis dahin sind aber sehr kurzweilig, so kurios wie sie sind. Vor allem begeistert mich aber Jean Echenoz' Schreibstil. Sein Humor ist unglaublich treffsicher. Ich folge wahnsinnig gern seinen Abschweifungen, bei denen er die Sprache wie einen Bumerang verwendet, um präzise wieder zum Thema zurückzufinden. Ich habe mich beim Lesen herrlich amüsiert.

„Hubert Coste ist größer als Lou Tausk, schlanker als er, strahlender, gebräunter, muskulöser, der Komparative ist kein Ende, und da ersparen wir Ihnen noch seine sauschöne, wirklich irre attraktive Frau und die verflucht wohlgeratenen Kinder." (S. 40)

Wie kann man mit Humor ausgerechnet über das als „Schurkenstaat" bezeichnete Nordkorea schreiben? Die absurde Diskrepanz zwischen der hungernden Bevölkerung und dem maßlosen Luxus der Parteibonzen bleibt nicht unerwähnt. Echenoz verändert seinen Ton dabei nicht. Egal ob eiskalter Mord oder ein Auftritt des Diktators, er schreibt, als ob es nur nebensächlich wäre. Dabei sind doch einige satirische Spitzen zu entdecken. Es scheint beispielsweise so, dass der die steilste Karriere im Staatsapparat macht, dessen Frisur der von Kim Jong-un am meisten ähnelt. Ich bin sicher, der würde die Lektüre des Romans, im Gegensatz zu mir, nicht mit einem Grinsen genießen.

Persönliches Fazit

Jean Echenoz' Humor hat mich komplett vereinnahmt. Nur selten hat mich der Umgang mit der Sprache so amüsiert wie in „Unsere Frau in Pjöngjang". Dass man die Kleinganoven und ihre Bemühungen nicht wirklich ernst nehmen kann, passt da genau ins Bild.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Unsere Frau in Pjöngjang | Jean Echenoz | Hanser Berlin
Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel
2017, gebunden, 288 Seiten, ISBN: 9783446256798

[marcus]