Rezension: Borne | Jeff VanderMeer

Dienstag, 17. April 2018 0 Kommentare



[klappentext start]Ein riesiger Bär, der eine zerstörte Stadt terrorisiert. Eine junge Frau, die in den Ruinen nach biotechnologischem Abfall sucht. Ein Drogendealer, der daraus psychoaktive Drogen herstellt. Ein undefinierbares Wesen, das diese Welt für immer verändern wird … Borne sprengt alle Genregrenzen und zeigt, wie fantastisch Literatur heute sein kann. [© Text und Cover: Verlag Antje Kunstmann][klappentext ende] 

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Mit seinem Roman „Auslöschung", der kürzlich auch verfilmt wurde, konnte mich Jeff VanderMeer sehr fesseln. Seine visionäre Darstellung einer bedrohlichen Zukunft hat mich in ihren Bann gezogen. Da wollte ich mir seinen aktuellen Roman nicht entgehen lassen. 

Auch in „Borne" ist die Atmosphäre beklemmend. Rachel haust mir ihrem Freund Wick abgeschottet in einem verlassenen und teilweise zerstörten Wohnkomplex in einer größtenteils verwüsteten Stadt. Ihre Ausflüge nach draußen zur Beschaffung von Lebensmitteln und anderen brauchbaren Materialien sind sehr gefährlich. Marodierenden Banden oder herumstreunenden Tieren sollte sie lieber aus dem Weg gehen. Aber Rachel ist keine Anfängerin: sie traut sich sogar an „Mord" heran, einen riesigen, biologisch modifizierten Bären, in dessen Umfeld es meist Brauchbares einzusammeln gibt. Dass Rachel dabei auf Messers Schneider agiert, ist ihr bewusst. 

Bei Mord findet sie auch dieses schwer zu definierende Wesen, dem sie den Namen „Borne" gibt. Vor der Apokalypse wurde viel an Biotechnologie geforscht und experimentiert. Daher ist Rachel nicht verwundert, eine unbekannte Form zu finden. Sie nimmt Borne mit in ihre Unterkunft. Davon ist Wick gar nicht begeistert, denn eine zentrale Frage ist: wer oder was ist Borne? Wick sieht in ihm eine mögliche Bedrohung, Rachel dagegen will Borne helfen und ihn großziehen. Borne wächst und lernt tatsächlich schnell. Aus der Kreatur, die einer Kreuzung zwischen Seeanemone und Tintenfisch gleicht, wird ein Gestaltwandler, der sogar sprechen kann. 

„»Weißt du, warum es dich gibt?« Bornes neu ausgebildete Augenstiele, die ständig hervorschossen und sich dann wieder zurückzogen, sahen mich fragend an. »Der Grund«, sagte ich. »Du weißt schon – warum man überhaupt am Leben ist. Bist du zu einem bestimmten Zweck gemacht worden?« »Muss alles einen Zweck haben, Rachel?«" (S. 78) 

Dass Machtbestreben und Gier die Menschheit an den Rand der Existenz bringen würde, ist sicherlich nicht weit hergeholt. Hier scheint bei der Entwicklung von Biotechnologie etwas schief gegangen zu sein. VanderMeer nutzt das, um Wesen zu erschaffen, die über Fähigkeiten verfügen, die weit über menschliche Beschränkungen hinausgehen. Damit erschafft er eine gleichzeitig beklemmende wie faszinierende Welt. Eine Welt, die nicht mehr von Menschen beherrscht wird. Wie hält man es in diesen Verhältnissen überhaupt aus? Zählt da nur noch das nackte Überleben oder braucht man nicht doch noch eine zumindest wage Hoffnung auf ein Leben in Sicherheit? 



   
Rachel in dieser postapokalyptischen Welt zu begleiten hat mich sehr in den Bann gezogen. Dazu trägt auch VanderMeers besondere Schreibweise bei, die durchaus Aufmerksamkeit erfordert, dafür aber auch intensive Bilder im Kopf entstehen lässt. 

Persönliches Fazit

Mit „Borne" erschafft Jeff VanderMeer eine ebenso bedrohliche wie faszinierende postapokalyptische Welt mit Wesen, deren Fähigkeiten das, was wir kennen, weit hinter sich lassen. Ein beklemmender, packender Roman, ein geradezu cineastisches Leseerlebnis! 

© Rezension: 2018, Marcus Kufner 


Borne | Jeff VanderMeer | Verlag Antje Kunstmann
Aus dem Englischen von Michael Kellner
2017, gebunden, 367 Seiten, ISBN: 9783956141973


[marcus]

Rezension: Armageddon | Wolfgang Hohlbein

Freitag, 13. April 2018 0 Kommentare


[klappentext start] Auf dem Flug nach Tel Aviv begegnet Beka dem gleichermaßen faszinierenden wie undurchschaubaren Luke. Doch bevor sie sein Geheimnis ergründen kann, zerreißt eine gewaltige Druckwelle das Flugzeug. Das Undenkbare ist geschehen: Eine Atombombenexplosion vernichtet weite Teile Israels. Aber Beka und Luke überleben. Sie finden sich in einem unterirdischen, verlassenen Tempel wieder, der von geheimnisvollen Symbolen übersät ist. Und alles deutet darauf hin, dass Armageddon begonnen hat - die letzte Schlacht ... [Text & Cover: Piper Verlag] [klappentext ende] 

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Wolfgang Hohlbein ist einer der erfolgreichsten deutschen Autoren, der auf ein beeindruckend umfangreiches Gesamtwerk verweisen kann, mit dem er zahlreiche Nuancen des Fantasy-Genres ausgelotet hat. Als sein besonderes Verdienst gilt es, junge Leser mit seinen Geschichten zu verzaubern und in der Welt der Bücher willkommen zu heißen. Gerade in den mit seiner Frau ersonnenen Geschichten arbeitet er mit jugendlichen Protagonisten und projiziert den Reifeprozeß der Persönlichkeit auf einen epischen Kampf Gut gegen Böse.
Und ... was wäre ein Hohlbein-Roman ohne die Lieblingswendung des Autors zum Ausdruck sehnsüchtiger Begierde:

"Aber was allen Schreckensgestalten und Special-Effects, für die Roland Emmerich wahrscheinlich seinen rechten Arm geopfert hätte ..." (S. 384)

Mit seinem aktuellen Roman "Armageddon" wendet er sich (nach dem Thriller "Mörderhotel") wieder an die Leserschaft an der Schwelle zum Erwachsenenalter. Hauptfigur Beka, kurz für Rebecca, ist weitgehend eigenschaftsfrei und somit eine typische Hohlbein-Heldin. Indem er nämlich seine Charaktere bewußt unscharf zeichnet, konzipiert der Autor sie als universelle Identifikationsfiguren. Allerdings wird Beka als "fast 20 Jahre, eine erwachsene Frau, keine pubertierende Dreizehnjährige" beschrieben, womit sie deutlich über dem Altersschnitt des Zielpublikums liegen dürfte. Zunächst relativiert Hohlbein diesen Vorsprung, indem er Bekas Gemütszustand angesichts eines etwa gleichaltrigen jungen Mannes in eben jene Phase hormonellen Erwachens zurückversetzt. Schließlich trifft sie auf Jugendliche (im betreffenden Altersbereich), die in Stämmen organisiert, um ihr Überleben kämpfen. Nun löst der Autor die Diskrepanz zwischen Leser und Hauptfigur endgültig auf, indem er diese wesentlich infantiler agieren läßt, als man es sich angsichts ihres Alters erwarten würde. Mit der Ausgangssituation - sieben Jahre in die Zukunft in eine verwüstete Welt geworfen zu werden - findet sich Beka erstaunlich schnell ab, ihre Neugier ist im Gegensatz zu jener des Lesers allzu rasch gestillt. Dazu wirken ihr Sarkasmus und ihre übertriebene Coolness unangebracht für jemanden, dessen Flugzeug nach Israel ungeplant in einer Umgebung ohne zivilisatorische Errungenschaften wie Strom und fließendes Wasser notlanden mußte.

Offensichtlich, um sich des Kontaktes zu den Lesern zu versichern, flicht der Autor immer wieder Referenzen auf die Populärkultur ein, die allerdings leicht anachronistisch wirken. Die Leserschaft mag mit der klingonischen Grußformel aus Star Trek noch vertraut sein, ob der Film "Highlander" aus den 1980er-Jahren allerdings noch bekannt ist, darf bezweifelt werden ...

In dieser in Trümmern liegenden Welt - als Ursache wird vage eine Atombombe genannt - verbündet sich Beka schließlich mit ihren neuen kindlichen Gefährten, um sich auf eine abenteuerliche Suche zu begeben. Aber wonach eigentlich? Nachdem das Jerusalem in seiner neuen Gestalt mit all seinen Gefahren erkundet wurde, ist es wohl als obligater Akt der Rebellion zu verstehen, daß Beka und zwei ihrer neuen Freunde dem Einfluß eines übermächtigen Engels entfliehen. Allerdings scheinen weder die kleine Reisegruppe, noch der Roman selbst ein konkretes Ziel anzustreben. Ein Finale oder eine Auflösung ist nicht in Sicht, der Roman funktioniert wie eine postapokalyptische Sightseeing-Tour, in der die Helden von einem Schauplatz zum nächsten getrieben werden. Jedes Mal, wenn die Fragen nach Sinn des Unterfangens oder gar der Ursache der Lage zu drängend werden, sorgt der Autor für Action und verscheucht seine Figuren mit einer neuen Gefahr aus ihrer Kontemplation.

Dazu kommt Hohlbeins lockerer Umgang mit dem Thema Religion. Der Roman wirkt wie ein bizarres Sammelsurium christlich-jüdischer Symbole, die aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gerissen und neu arrangiert wurden. Damit mag der Autor vielleicht die Neugier wecken, dazu motivieren, die tatsächlichen Hintergründe in der Bibel und im Talmud nachzuschlagen. Wahrscheinlicher ist jedoch, daß er mit seinen Anspielungen bestenfalls auf fragmentarisches Halbwissen im Kreise seiner Leser treffen wird. Man könnte ihm durchaus unterstellen, diese unvollständigen Kenntnisse bewußt zu nutzen: Wo Religion im Jahr 2017 vielfach als mystisch verklärte Brauchtumspflege wahrgenommen wird, ist es leicht, sie in eine per se nicht zu erklärende Form von Magie umzudeuten, die einem jeden Fantasy-Roman als Grundlage dient. Ein Schutzengel, der sich als mordlüsterner Dämon entpuppt, ein unversehrtes Becken mit Weihwasser, das alle Wunden in Sekundenschnelle heilt oder aus dem Jüdischen stammende Vornamen wie Yoram oder Thora ... hier  wird eine neue Mythologie im Baustein-Prinzip konstruiert.

Persönliches Fazit

"Armageddon" bietet zwar kurzweilige Action in einem endzeitlichen Szenario, für den Umfang des Romans jedoch überraschend wenig Handlung. Was verbleibt, sind viele offene Fragen und der diffuse Eindruck mutwillig uminterpretierter Symbolik.

© Rezension: 2017, Wolfgang Brandner

Armageddon | Wolfgang Hohlbein | Piper
2017, Hardcover mit Schutzumschlag, 608 Seiten, ISBN: 978-3-492-70441-0

[wolfgang]  

Rezension: Mutterland | Paul Theroux

Donnerstag, 12. April 2018 0 Kommentare



[klappentext start]Alle in Cape Cod halten Mutter für eine wunderbare Frau: fleißig, fromm, genügsam. Alle außer ihrem Ehemann und ihre sieben Kinder. Für sie ist sie eine engstirnige und selbstsüchtige Tyrannin. Der Erzähler Jay, Reiseschriftsteller mittleren Alters, ist eines der sieben Kinder. Zusammen mit den Geschwistern findet er sich bei der Mutter ein, als der Vater stirbt – die erstickende Enge dort, im wortwörtlichen Mutterland, evoziert eine Bandbreite an Gefühlen, die dem Leser auf unheimliche Weise genau das präsentieren, was sonst immer nur der Horror der anderen ist. [© Text und Cover: Hoffmann und Campe Verlag][klappentext ende] 


Es ist nicht gerade einfallsreich, wenn ein Autor, der als Reiseschriftsteller bekannt ist, als Ich-Erzähler für seinen Roman ebenfalls einen Reiseschriftsteller einsetzt. Natürlich kennt er sich hervorragend aus in diesem Metier und kann dadurch Autobiografisches einfließen lassen, in welchem Umfang auch immer. Ich schätze Theroux' Reiseberichte sehr. Seine ehrliche, stets hinterfragende und manchmal auch provokante Art finde ich erfrischend und bereichernd. Für seine Romanreise nach Mutterland erfindet er sich nicht neu, auch hier ist seine Sprache genauso direkt und schnörkellos. 

Nach zwei Ehen und vielen Reisen rund um den Globus zieht Jay zurück in die Heimat. Der Anlass dafür ist, dass sein Vater im Sterben liegt. Von hier ab verfolgen wir die Entwicklung der Beziehungen von Jay zu seiner Mutter und zu seinen sechs Geschwistern. Der Umgang miteinander ist nicht wirklich liebevoll. Jay sieht in seiner Mutter eine manipulative Matriarchin, die nur nach außen den schönen Schein wahrt. Innerhalb der Familie spielt sie ihre Kinder gegeneinander aus und hält sie klein. Theroux attackiert das Bild der liebevollen Mutter, aber trotz der Abneigung und des Misstrauens seines Erzählers ihr gegenüber kann er sich nicht von ihr lösen. 

„Wir waren Untertanen im Mutterland, in Mutters Diktatur, und jeder von uns ein mürrischer Dissident. Mutter hatte uns alle Feinheiten des Betrugs beigebracht. Lektion eins war, Bindung ist immer ein Fehler. Lektion zwei, Gefühl ist Schwäche. Lektion drei, Vertrauen ist dumm und fatal, und der Schlüssel zur Macht ist das Wissen um die Geheimnisse der anderen Geschwister." (S. 500)

Das diffizile und wandelbare Verhältnis von sieben Geschwistern aufzuzeichnen, ist sicherlich herausfordernd. Familien dieser Größe sind ja in unseren Breiten selten und eine Besonderheit geworden. Die Charakterisierung von Jays Geschwistern ist authentisch, mit ihren Macken sind wirken sie sehr lebensecht. Der Umgang untereinander und wie sie immer älter (und breiter) werden, ist scharfsinnig beobachtet und entlarvt ihren Egoismus auf eine fatalistische Art. 

„In meiner Familie arbeitete niemand an Beziehungen. Sie lächelten, sie erzählten Lügen, sie tratschten, sie stießen einander Messer in den Rücken, sie sagten immer ja und meinten es nie." (S. 170)

Jeder, der mehrere Geschwister hat, wird wohl die eine oder andere Wahrheit in diesem Roman wiederfinden. Allerdings sind Jays Ansichten ziemlich pessimistisch. Das kann einen als Leser schon etwas runterziehen. Mir war es auch zu viel des Gezeters, das wiederholt sich etwas zu oft. Theroux arbeitet die Beziehung von Jay zu seiner Familie zwar sehr feinsinnig heraus, da wir aber zum größten Teil nur dessen sehr subjektive Sicht erfahren, fehlt mir da ein Gegenpol. Ist wirklich immer nur seine Mutter schuld daran, wenn etwas in seinem Leben schief läuft oder wenn er sich als Verlierer fühlt? Auch wenn die elterliche Erziehung erheblichen Einfluss hat, ist mir das zu einseitig. 








  

Persönliches Fazit

Ich bin bei „Mutterland" zwiegespalten: einerseits ist das Verhältnis von Jay zu seiner Familie ausgezeichnet herausgearbeitet und regt zum Reflektieren an, besonders wenn man selber Geschwister hat. Andererseits wird mir Jays Gejammer irgendwann zu viel und ist mir zu destruktiv. Wer Paul Theroux' stets hinterfragende und manchmal provokante Art zu schreiben mag, ist hier aber trotzdem gut aufgehoben. 

© Rezension: 2018, Marcus Kufner 


Mutterland | Paul Theroux | Hoffmann und Campe Verlag
Aus dem amerikanischen Englisch von Theda Krohm-Linke
2018, gebunden, 656 Seiten, ISBN: 9783455002904 

[marcus]