Hörbuch-Rezension: Niemals | Andreas Pflüger

Freitag, 19. Januar 2018 1 Kommentar



Jenny Aaron ist eine Polizistin mit überragenden Fähigkeiten. Und sie ist blind. Man drängt sie zur Rückkehr in die geheime Sondereinheit, in der sie früher war. Es wäre wieder ein Leben aus purem Adrenalin. Doch will sie das?
Als ihre Vergangenheit sie einholt, muss sie sämtliche Zweifel hinter sich lassen. In Marrakesch wartet der gefährlichste Mann der Welt auf sie. Jemand, von dem viele glauben, dass er nur ein Mythos sei. Aaron erfährt, was er ihr angetan hat. Um ihn zu töten, ist sie bereit, alles zu opfern, was ihr je etwas bedeutete. [Text & Cover: Randomhouse Audio Verlag]

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Knallhart, abgeklärt, persönlichkeitsbildend, lehrreich.

Selten schafft es ein Roman, diese Attribute zu einem sinnvollen Ganzen zu verbinden, das weder ein Kung Fu-Film zwischen Buchdeckeln, noch eine reine Parodie ist. In der Tat wirkt der neue Roman von Andreas Pflüger, als hätten Don Winslow und Paolo Coelho gemeinsam eine Geschichte verfaßt und dem Leser die Beurteilung überlassen, wessen Einfluß deutlicher erkennbar ist.

Jenny Aaron, bekannt aus  Endgültig (Link zur Rezension), ist ein ehemaliges Mitglied einer Spezialeinheit des deutschen Bundeskriminalamtes und seit dem Verlust ihres Augenlichts im Einsatz als Fallanalytikerin tätig. Wie bereits der erste Teil setzt auch "Niemals" auf eine aus dem Kino bekannte Dramaturgie: Der actionreiche Prolog spielt in einer Zeit vor Jennys Erblindung, wo sie ihre schier übermenschlichen Fähigkeiten demonstrieren darf. Bei einem Undercover-Einsatz in der privaten Bleibe eines international gesuchten Verbrechers, probiert sie automatisch im Kopf unzählige Szenarien durch, in denen sie im Notfall in Sekundenbruchteilen mit Messern, Gabeln und Blumenvasen die muskulösen Leibwächter außer Gefecht setzen würde. Und auch ihre rasche Auffassungsgabe wird auf die Probe gestellt, als sie die Kombination eines versteckten Safes ermitteln muß ...

Szenenwechsel in die Gegenwart. Jenny Aaron hadert verbittert mit ihrer Erblindung, die zwar ihre übrigen Sinne geschärft, im Panzer um ihre Seele aber immer größer werdende Risse hinterlassen hat. Aus dieser scharf gezeichneten Figur bezieht der Roman zu einem guten Teil seine unglaubliche Kraft. Nach wie vor nimmt sie es im Alleingang mit einer Überzahl auf, doch diesmal ist das Podest, auf das ihr Autor sie stellt, nicht mehr ganz so hoch wie in "Endgültig". Dazu trägt zum einen der sparsamere Einsatz von Kampfszenen bei, zum anderen tritt auch klar die große persönliche Schwäche Aarons hervor: die Familie. Berufsbedigt ist ihr amouröses Glück unerfüllt, und als sie im Rahmen ihrer Mission auf einen sechsjährigen Buben trifft, übernimmt ihr vernachlässigter Mutterinstinkt die Kontrolle. Außerdem hat sie neben dem Verlust ihres Sehvermögens auch noch jenen ihres Vaters zu bewältigen, der ihr Kampfgeist und unbeugsamen Überlebenswillen mit auf den Weg gegeben und ihre Persönlichkeit maßgeblich geformt hat. Nun wird sie vor eine Entscheidung von existentieller Tragweite gestellt. Sie hat die einmalige Chance, den Mörder ihres Vaters zur Strecke zu bringen, verspielt damit aber die Hoffnung, das Augenlicht je wieder zu erlangen.

Eine derart exponierte Persönlichkeit wie Jenny Aaron benötigt natürlich ein Gegenstück, einen Erzfeind. Mit Ludger Holm, einem Killer von raubtierhafter Eleganz und maschineller Präzision hat sie ihr Spiegelbild bereits im Vorgängerband gefunden. Nicht nur an der Art sich zu bewegen, erkannten die beiden einander als die beiden Seiten derselben Medaille, auch an der geteilten Vorliebe für Schriftsteller, Philosophen und Denkschulen, deren Zitate sie spontan ergänzen konnten. Obwohl Holm in "Endgültig" besiegt wurde, bringt doch sein Respekt für Aaron posthum die neue Geschichte ins Rollen. Indem er ihr ein unglaubliches Vermögen hinterläßt, weist er ihr den Weg zu ihrer Rache und stellt damit ihre Persönlichkeit auf die Probe.

Bereits am rasanten Auftakt erkennt man die Parallelen zwischen Autor und Hauptfigur: Beider Vorlieben sind knallharte Action und Philosophie. Der Kampf mit Pistolen und Fäusten in einem engen Hotelzimmer ist derart detailliert choreographiert, daß die Szene in Zeitlupe im Kopf des Lesers abläuft. Die Sprache muß dem Tempo der Handlung folgen, Gegner werden anhand äußerlicher Merkmale eingeordnet und mit Namen wie "Grünjackett" und "Zweiholster" versehen. Den Stil visuell orientiert zu nennen, wäre jedoch zu kurz gegriffen. Vielmehr orientiert er sich mit der Darstellung von Eindrücken an Jenny Aaron. Vor ihrer Erblindung prüft sie instinktiv jede Situation aus den Augenwinkeln auf einen möglichen Hinterhalt. Im Rahmen der Haupthandlung reist sie nach Marrakesch, das nicht mehr anhand von Farbnuancen oder Lichtreflexionen beschrieben wird, sondern den Gerüchen des Marktes, dem Staub, der auf der Haut kratzt, der Hitze, der Straßengeräusche, die den Blindenstock unbrauchbar machen.

Viele Dialoge in Aarons Spezialeinheit wirken arg mit kumpelhafter Schulterklopferei aufgeladen und erzählen von einer Abgeklärtheit wie man sie nur erwirbt, wenn man dem Tod in vielen seiner Gestalten begegnet ist. Wo harte Männer unter ihresgleichen sind, ist auch die Sprache nicht jugendfrei, wird eine zotige Beleidung zu einem Ausdruck gegenseitiger Wertschätzung. Der Autor bedient sich großzügig an einschlägigen Klischees, doch es würde unpassend, unvollständig wirken, täte er dies nicht.

Was hingegen diesmal zu kurz kommt, sind Aarons Top Ten-Listen, lose Aneinanderreihungen von Gedanken, Wahrnehmungen, Vorlieben, die im ersten Teil spontan in den Text geworfen wurden und wesentlich dazu beitrugen, ihre Persönlichkeit zu zeichnen. Eine solche Liste sähe etwa folgendermaßen aus:

Zehn Sätze des Romans, die im Kopf nachhallen:

* Wenn sehende Menschen morgens aufwachen wird es hell, für Aaron wird es dunkel.
* Alles an ihm ist viereckig, sogar das Gesicht, in dessen Poren sich Ameisen verstecken können.
* Wenn man in die Fußstapfen einer Legende tritt, erbt man auch deren Feinde.
* Wer sich der Liebe verschließt, dem ist die Erde ein Grab.
* Was rechtfertigt Rache?
* Töten ist einfach, nur leicht ist es nicht.
* Sich zu rächen, heißt, zwei Gräber auszuheben.
* Er bestellte letzte Grüße der Familie Glock.
* Nur im Schmerz zeigen wir, wer wir wirklich sind.
* Du bist nicht Black Mamba, und das ist nicht Kill Bill.

À propos "Kill Bill": Obwohl der Autor es mit dem genannten Zitat abstreitet, sind doch Ähnlichkeiten zu Tarantinos Racheepos unverkennbar. Mit subtilem Humor gibt der Autor eine mögliche Lesart des Romans vor, wie auch bereits in "Endgültig", wo ein Comic über den blinden Superhelden Daredevil auftauchte. Und wenn im Hafen ein Boot mit dem Namen "Unsinkbar 2" liegt, lächelt man über Andreas Pflügers subtilen Humor.

Dem Thema folgend, ist es nur angemessen, einen Roman wie diesen als Hörbuch zu genießen. Wobei ... als Genuß, als Lektüre vor dem Kachelofen ist "Niemals" wohl nicht angelegt. Man wird förmlich in die Geschichte hineingerissen, gezwungen, sie in Aarons Haut zu durchleben. Auch diesmal leiht Nina Kunzendorf ihren Gedanken die Stimme, und ebenso wie die Hauptfigur an ihren Entscheidungen wächst, wirkt auch der Tonfall erwachsener. Die Wörter fließen nicht mehr ineinander, sind so selbständig, daß sie sich nicht mehr gegenseitig stützen müssen. Die Sprache ist jung, kräftig und doch mit einem melancholischen Unterton, wie mit einer unauslöschlichen Narbe gezeichnet. Nina Kunzendorf läßt den Hörer wie ihre Hauptfigur mit den Ohren sehen und potenziert implizit, wovon der Text erzählt: Jenny Aaron ist gereift.
Letzendlich bleibt nur eine Frage unbeantwortet: Wann erscheint der nächste Teil um Jenny Aaron?

Persönliches Fazit

Action mit Anspruch von einem klugen Autor, einer gleichzeitig unverwundbaren und zerbrechlichen Hauptfigur und einer Sprecherin, die jede Nuance erfühlt: "Endgültig" ist ein deutscher Hochgeschwindigkeitsthriller mit fernöstlicher Philosophie.

© Rezension: 2018, Wolfgang Brandner


Endgültig | Andreas Pflüger | Randomhouse Audio2017, Hörbuch, Ungekürzte Lesung, 2 mp3-CDs, 11 Stunden 11 Minuten, ISBN: 978-3-8371-3574-9


[wolfgang]  

Rezension: Grazer Wut | Robert Preis

Donnerstag, 18. Januar 2018 0 Kommentare

Blood on Snow auf steirisch

Während ein Schneesturm von biblischem Ausmaß die Umgebung von Graz heimsucht, spült eine Gefängnisrevolte das versunkene Böse zurück an die Oberfläche der Gesellschaft. Kurz darauf wird Mordermittler Armin Trost von Unbekannten entführt – und zum Spielball eines perfiden Racheplans. Eingeschlossen in ein winterliches Bergdorf muss er einsehen, dass nicht nur sein eigenes Leben in Gefahr ist, sondern auch das seiner Familie. Und dann schnappt die Falle zu. Die Falle, die dem Ermittler den Verstand raubt . . . [Text & Cover: Emons Verlag]

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Robert Preis betreibt als erfahrener Redakteur der Kleinen Zeitung eine Rubrik, in der er sich anhand einzelner Begebenheiten oder Persönlichkeiten mit der Geschichte des Landes Steiermark beschäftigt. So ist er im Jahr 2016 auch auf Geistthal, einen kleinen Ort im Nordwesten der Landeshauptstadt Graz gestoßen. Ein erster Blickfang sind zwei ausgestopfte Bären, die aus dem Dachfenster des mittelalterlichen Amtshauses schauen. In diesem befindet sich auch die Keichen, ein feuchtes Verlies, in dem Delinquenten durch eine Luke mitverfolgen konnten, wenn über sie zu Gericht gesessen wurde. Die Legende um ein gekreuzigtes, bärtiges Mädchen ergänzt die mit Legenden angereicherte Luft, die den Ort durchweht und den Autor wohl zu seinem neuen Roman inspiriert hat.

In seiner Abgeschiedenheit bietet sich Geistthal geradezu an, um die beklemmende Stimmung sozialier Isolation zu erzeugen. Indem er den Ort durch einen Schneesturm und eine beschädigte Straße von der Außenwelt abschneidet, verwandelt ihn der Autor in ein gitterloses Freiluftgefängnis - eine Parallele zu dem unterirdischen Verlies. Die von folkloristischen Elementen einer bäuerlich und handwerklich geprägten Gesellschaft durchsetzte Atmosphäre weckt bei Figuren wie Lesern gleichermaßen archaische Ängste. In seinem mittlerweile fünften Einsatz wird nun der Grazer Ermittler Armin Trost durch eine aufwendige Inszenierung an einen solchen Ort gelockt und mit einem Widersacher konfrontiert, der von tief sitzendem, persönlichem Groll getrieben wird:

"Du hast mich fallen gelassen. Das, mein guter, alter Freund, habe ich dir nie vergessen. Die vielen kleinen Abenteuer, die du in den letzten Stunden erlebt hast, habe ich ausschließlich für dich arrangiert." (S. 188)

Diese Situation der Ausweglosigkeit, des Ausgeliefertseins bildet das Zentrum des Romans, in dem ein Höchstmaß an Spannung erzeugt wird. Obwohl der Autor viel an Erzählzeit dafür aufwendet, diese zu erzeugen, fühlt sich der Leser in keinem Moment in der erzählerischen Warteschleife. Dies ist einerseits dem draufgängerischen, eigensinnigen Armin Trost als Hauptfigur, andererseits den zahlreichen skurrilen Charakteren neben ihm zu verdanken, die sich in ihrem Verhalten jeder Erwartungshaltung des Lesers entziehen.

Ein stotternder Einsiedler, der nur um des Protestierens willen im Schneesturm auf der Landstraße - wogegen auch immer - protestiert, gewinnt beinahe allegorischen Charakter. Eine mit den körperlichen und charakterlichen Attributen einer Hexe ausgestattete Verschwörerin nimmt auch im Kopf des Lesers immer mehr die Züge der bösen Märchenfigur an, je öfter sie als solche bezeichnet wird. Ihnen gegenüber kämpft Armin Trost nicht nur um seine entführte Familie, sondern auch um seinen Verstand. In Anlehnung an die ruhelosen Helden des Hardboiled-Genres läßt Robert Preis seinen Protagonisten eine Vielzahl an Qualen erleiden, sodaß dieser schließlich ähnlich dringend medizinischer Zuwendung bedarf wie der von Bruce Willis verkörperte John McLane am Ende eines "Stirb Langsam"-Filmes. Dabei vollzieht sich auch eine charakterliche Entwicklung, die sich in feuriger Weise manifestiert.

Ähnlich wie die topographischen und meteorologischen Widrigkeiten beeinträchtigen auch bürokratische die Aufklärung des Falles. Ein gemütliches Sitzpolster beim Lesen wird zum Nadelkissen, wenn durch Streitereien um behördliche Zuständigkeiten oder Strafmandate für falsches Parken wertvolle Zeit verschwendet wird. Der Autor bleibt auch hier seinem Stil treu und karikiert den berüchtigten österreichischen Amtsschimmel zu einem furchteinflößenden Untier. Dieser Stil manifestiert sich in erster Linie in trockenem Zynismus und beiläufig in Nebensätzen vorgebrachter Gesellschaftskritik.

"Wer heutzutage in Österreich etwas auf sich hielt, der wusste mit dem Inhalt des Golfbags, das für jeden Besucher sichtbar im Büro zu stehen hatte, auch umzugehen." (S. 56)

Wiewohl die in und um Graz spielenden Krimis von Robert Preis als Regionalkrimis gehandelt werden, unterscheiden sie sich doch von typischen Vertretern des Genres. Wie auch die bisherigen Bände um Armin Trost, ist auch "Grazer Wut" definitiv nicht als Wander- und Brauchtumsführer mit Rahmenhandlung zu verstehen. Statt sonnenbeschienenen Gipfeln ist bei Preis ein immerwährendes Novembergrau des Grazer Beckens beinahe greifbar, in dem die unscharfe Grenze zwischen historischen Überlieferungen und schaurigen Sagen ausgelotet wird. Wo gerne in anderen Regionalkrimis die abschließende Wiederherstellung des ursprünglichen Idylls mit einem regionaltypischen Festmahl begangen wird, ist außerdem das Finale von "Grazer Wut" weder jugendfrei, noch appetitanregend.

Um einer Geschichte ihre lokale Färbung zu verleihen, ist es mittlerweile obligat, Nebenfiguren in einem Regiolekt sprechen zu lassen. Zuweilen drängt sich die Vermutung auf, der jeweilige Autor verrichte diese Pflichtübung nur widerwillig. Bei Robert Preis hingegen ergibt sich die direkte Rede aus der Geschichte und wirkt nicht wie eine Aufglage des Verlags. Je emotional aufgeladener die Situation, desto weniger können seine Figuren ihre Herkunft hinter anerzogenem Amtsdeutsch verbergen. Zuweilen ist auch ein gutes Stück des berühmten östereichischen Phlegmas zu spüren:

"Mir kummt scho laung nix mehr söltsam vor. Ich moch nur mei Orbeit." (S. 60)

Persönliches Fazit

Der Roman widersetzt sich wütend dem Regionalkrimi-Etikett, indem er mit dreckigen Figuren aufwartet und mit tiefsitzenden Ängsten kokettiert. Müßte man Robert Preis einem Genre zuordnen, müßte dessen Name "Kernöl-Thriller" lauten.

© Rezension: 2018, Wolfgang Brandner

Weitere Rezensionen: Die Geister von Graz 


Grazer Wut | Robert Preis | Emons Verlag
2017, Broschur, 272 Seiten, ISBN: 978-3-7408-0204-2

[wolfgang]  

Rezension: Der Knochenraub von San Marco | Stefan Maiwald

Dienstag, 16. Januar 2018 0 Kommentare

Das zweite Abenteuer des venezianischen Spions Davide Venier


1570. Carnevale – ganz Venedig spielt verrückt! Die Stadt ist ein einziges rauschendes Fest, eine gewaltige Orgie. Doch Davide Venier hat keine Zeit für Vergnügungen. Diebe haben den Ausnahmezustand genutzt und die Knochen des Heiligen Markus aus dem Dom entwendet – Venedigs Daseinsberechtigung! Bevor der Fall publik wird, muss Davide die Reliquie wiederbeschaffen. Schnell stellt sich heraus: Eine fremde Macht will der Serenissima schaden. Doch wer unter den vielen Feinden Venedigs ist es? Die Genueser? Die Osmanen? Etwa der Papst persönlich? [© Text und Cover: dtv Verlag]

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„Der Spion des Dogen" war der Auftakt einer Romanreihe, die im Venedig des 16. Jahrhundert spielt. Der erste Teil war gut in die Historie eingebettet und hat mich mit einem flotten Plot überzeugt. „Der Knochenraub von San Marco" ist das zweite Buch mit Davide Venier, dem Mann für Sonderaufgaben im Auftrag des Kanzlers von Venedig. 

Davide soll ermitteln, wer die Überreste des Heiligen Markus gestohlen hat und sie möglichst wiederbeschaffen, bevor der Verlust bekannt wird. Die Reliquien haben zu dieser Zeit eine große Bedeutung und man befürchtet politische Instabilität, wenn bekannt wird, dass sie weg sind. Bald schon treffen Nachrichten über Diebstähle religiöser Artefakte auch aus anderen Städten ein. Davide bekommt den Auftrag, sich dort umzusehen, um Hinweise auf die Täter und auf Zusammenhänge zu dem Raub in Venedig zu finden. Mit seinem tapferen Diener Hasan macht er sich auf den Weg.




Die Reise führt die beiden von Venedig über Padua, Augsburg und Köln bis nach Paris. Hier liegen die Stärken des Romans: die Beschreibungen der Örtlichkeiten, der Paläste und Gotteshäuser sind so intensiv, dass ich mir fast so vorkomme, als wäre ich selbst dort. Stefan Maiwald vermittelt auch ein gutes Bild der politischen und religiösen Situation im Europa des 16. Jahrhunderts. Ob der drohende Krieg gegen die Osmanen, Einblicke in das Herrscherhaus in Frankreich oder die Lage der katholischen und protestantischen Kirchen, die historischen Gegebenheiten wirken sehr authentisch.

Leider bleibt dabei die eigentliche Handlung auf der Strecke. Die Ermittlungen zu den verschwundenen Reliquien gehen gar nicht voran. Der Plot erfährt keinerlei Wendungen und nimmt erst sehr spät Fahrt auf. Gerade im Vergleich zu dem spannenden ersten Buch ist das enttäuschend.

„Und er war den Reliquienräubern noch keinen Schritt näher gekommen, obwohl er viele Hundert Meilen durch Europa geritten war." (S. 309)

Wie schon bei „Der Spion des Dogen" schreibt Stefan Maiwald sehr flüssig. Das trägt dazu bei, dass die Beschreibungen sehr lebendig wirken. Den ersten Teil muss man nicht unbedingt gelesen haben, denn der Plot setzt nicht daran an und es gibt kurze Erläuterungen, wo es notwendig ist. Ich würde ihn aber nicht auslassen, der lohnt sich nämlich wirklich.







       

Persönliches Fazit

„Der Knochenraub von San Marco" punktet beim Lesefluss und bei den Beschreibungen der historischen Gegebenheiten. Im Vergleich zum spannenden Vorgänger enttäuscht mich aber die dünne Handlung, die viel zu lange stillsteht.

© Rezension: 2018, Marcus Kufner


Der Knochenraub von San Marco | Stefan Maiwald | dtv Verlag
2017, broschiert, 416 Seiten, ISBN: 9783423261715

[marcus]