Rezension || Das Dorf | Arno Strobel

Dienstag, 31. März 2015 0 Kommentare

DU WILLST DEM MENSCHEN HELFEN, den du am meisten liebst. Doch der Ort, an den dich deine Suche führt, ist anders als alles, was du kennst. WILLKOMMEN IM DORF OHNE WIEDERKEHR …

Panik, Todesangst, das ist es, was Bastian Thanner in der Stimme seiner Exfreundin hört, als sie ihn völlig unerwartet anruft. Über zwei Monate ist es her, dass Bastian Anna zuletzt gesehen hat, als sie Hals über Kopf und ohne Erklärung einfach verschwunden ist. Jetzt braucht sie dringend seine Hilfe, sie bangt um ihr Leben. Bastian macht sich sofort auf die Suche nach Anna und gelangt in ein Dorf an der Müritz, das ihm von Anfang an unheimlich ist. Überall deuten Spuren auf Anna, doch niemand kann oder will ihm weiterhelfen. Bis zu dem Abend, als Bastian Zeuge einer schrecklichen Zusammenkunft wird. Und auf den Mann trifft, der genau weiß, was mit Anna geschehen ist … (© Text: S.Fischer Verlag)

Arno Strobels Thriller bilden ein wunderbar einheitliches Bild im Bücherregal
Mit der Präsentation seiner Spannungsromane bleibt der deutsche Autor Arno Strobel seiner Linie treu: Die einzelnen Bände weisen ein einheitliches Erscheinungsbild auf, stellen aber jeder für sich eine abgeschlossene Geschichte dar. Somit entscheidet sich Strobel bewußt gegen den unter seinen Kollegen verbreiten Brauch einer Serie, stellt sich jedes Mal der Herausforderung, seine Hauptfiguren neu zu erfinden.

Im Falle Bastian Thanners handelt es sich dabei um einen äußerst impulsiv agierenden jungen Mann, der nach einem dubiosen Hilferuf seiner Exfreundin völlig überstürzt in ein ihm unbekanntes Dorf aufbricht, um dort ihren Verbleib zu erkunden. Die Erklärung "... er war eben nicht der Typ Mann, der normalerweise zum Beuteschema eine Frau wie Anna gehörte." läßt auf eine Fixierung schließen, die zumindest diese Hals-über-Kopf-Entscheidung leichter nachvollziehen läßt. Kryptische Andeutungen über den Unfalltod von Bastians Eltern lassen bereits zu Beginn erahnen, daß dessen Aufklärung ein Schlüsselelement zu Bastians Persönlichkeit und zur Geschichte an sich sein wird.

Am Ziel der Reise, einem fiktiven Dorf namens Kissach angekommen, versteht es der Autor schließlich virtuos, eine Schlinge aus Stacheldraht um die geistige Gesundheit seines Protagonisten zu ziehen und auch beim Leser für beklemmendes Schlucken zu sorgen. Elemente wie Dunkelheit, Dauerregen und düster-schweigsame Gestalten erfüllen zuverlässig ihre Rollen und erinnern zuweilen sogar an Dean Koontz. Dazu wirken verfallene Gebäude wie Karikaturen von Zivilisation, durch den Ausfall der Telefonleitungen ist eine wesentliche Nabelschnur gekappt. Das Gefühl unüberwindlicher Hilfosigkeit stellt sich ein, wenn Bastian wie in einem gläsernen Labyrinth gegen unsichtbare Mauern läuft.

Wiederholt wird die Zuverlässigkeit seine Wahrnehmung infrage gestellt, er droht, den Verstand zu verlieren. Für den Leser bedeutet dies, daß die aus seiner Sicht geschilderten Eindrücke nicht mehr länger vertrauenwürdig sind, unbewußt zieht man sich aus der Rolle als emotional Beteiligter in sichere Beobachterdistanz zurück. Gewiß trägt auch die soziale Isoliertheit des Protagonisten und die Abgeschiedenheit des Schauplatzes dazu bei, daß anders als etwa in "Der Trakt" vom anfänglichen gehetzten Mitfiebern nur neutrale Neugier verbleibt.  Die Glaubwürdigkeit der Figur wird hier möglicherweise zu früh erschüttert. Es gelingt dem Autor kaum, seine Leser auf's Glatteis zu führen, weil die Falle vorzeitig erkannt wird. Von schleichendem Wahnsinn, der Bastian Thanner befällt, kann keine Rede sein, dieser Wahnsinn pflügt mit der Lautlosigkeit einer Marschmusikkapelle durch seine Zurechnungsfähigkeit. Außerdem wiederholen sich die Handlungsmuster, anhand derer gezweifelt werden soll: Nach einem Gespräch mit einer ihm wohlgesonnenen Figur nimmt Bastian verärgert Reißaus, um einen unerklärlichen Vorgang zu beobachten und wie ein Jo-Jo reumütig wieder zurückzukehren.

Die bisherigen Werke des Autors berücksichtigend, erliegt man der Versuchung, eine Lösung für das geschilderte Identitätsdilemma zu finden. Die tatsächliche Aufklärung liefert zwar eine in sich stimmige Erklärung, wirkt jedoch aufgrund des Knäuels an Handlungsfäden , das da wieder entwirrt wird, sehr konstruiert.


Mit erkennbarer Lust betreibt Arno Strobel das Verwirrspiel um die Identität seiner Hauptfigur, erreicht jedoch dabei nicht ganz die Raffinesse, die etwa Wulf Dorn oder Sebastian Fitzek auszeichent. Hochspannung ist dennoch garantiert, eine Steigerung gegenüber " Der Sarg" ist erfreulicherweise wieder erkennbar, das schaurige "Skript" wird meiner Meinung aber nicht erreicht.

© Rezension, 2015 Wolfgang Brandner



Das Dorf - Arno Strobel - Fischer Verlag

368 Seiten, Broschur, FISCHER Taschenbuch
ISBN 978-3-596-19834-4
Kaufen: Print / eBook



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