[Kolumne] Ich radle, also bin ich

Dienstag, 18. August 2015 10 Kommentare


AUFGELESEN #3

Liebe Leserin, lieber Leser, 

kennst Du dieses Gefühl kurz vor der körperlichen Erschöpfung, wenn eine innere Stimme verlockend flüstert, das persönliche Ziel sei ohnehin bereits erreicht und eine verdiente Pause längst überfällig? Wenn eine andere Stimme wie ein widerspenstiger Wirbelsturm sich dagegen aufbäumt 
und noch weiter antreibt, Meter um Meter, Sekunde um Sekunde? Unabhängig von Niveau und Motivation werden diese Regungen wohl jedem, der gerne Sport betreibt, vertraut sein.

Eine der bereicherndsten Möglichkeiten zur körperlichen Verausgabung stellt für mich seit jeher das Radfahren dar. Der Weg führt von jenen quälenden Minuten, in denen man die Absurdität des gebückten Sitzen im Sattels hinterfragt, über die unbestimmbare Dauer, während der Mensch und Maschine zu einer Einheit verschmelzen bis hin zu jenen kurzen Glücksmomenten, in denen der Wald ringsum den weiten Blick über das Tal freigibt. Wenn die Zeit und das bewusste Denken verschwimmen, das monotone Knirschen des Schotters unter den Reifen die Wahrnehmung ausfüllt, alleine das Wegstück bis zur nächsten Kurve zählt, dann ist das eine Form von Glück. Wenn sich die Bedürfnisse auf das Vorwärtskommen reduzieren, ist man ganz und gar im Moment gegenwärtig.

Und doch beschleichen einen manchmal Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Unterfangens, gerade, wenn die Witterung alles andere als einladend ist. Gewiss gibt es weitaus weniger mühsame Möglichkeiten, Selbstbestätigung zu erlangen, als bei Kälte, Regen und Gegenwind frühmorgens bergauf zu radeln. Gut, dass Zeitgenossen, die sich das Grübeln zu Beruf erkoren haben, das Unaussprechliche, das sich zwischen Herz und Waden abspielt, in Worte kleiden. 
In der Anthologie < "Die Philosophie des Radfahrens" teilen vorwiegend Philosophen, aber auch Physiker, Sport- und Kulturwissenschafter ihre Leidenschaft zur Bewegung auf zwei Rädern. Steen Nepper Larsen, Privatdozent für Philosophie an der Universität Aarhus in Dänemark verweigert sich etwa einer Begründung: 

"Muskelkraft und Wohlbefinden vereinen sich im Radfahrer, der sich für sein Recht, Rad zu fahren, nicht rechtfertigen muß. Mit anderen Worten: Wir fahren, weil wir fahren und weil wir es wollen."


Er zieht dann den Schluss: "Der Widerspruch zwischen dem Nutzlosen (der Freizeit, der Ungezwungenheit) und dem Nützlichen (der Arbeitszeit, der Zweckmäßigkeit) löst sich auf." Oder Stephen D. Hales, Professor für Philosophie an der Bloomsburg University nimmt Friedrich Nietzsches "Also sprach Zarathustra" zum Ausgangspunkt für seine Überlegungen und schreibt von einer "Art perversem Stolz", wenn er vom Radfahren als einem meditativen Akt schreibt und letztendlich zu einem ähnlichen Ergebnis gelangt: "Radfahren bedeutet, das Leben auf das Nötigste zu reduzieren, ohne einen anderen Anspruch als den, immer weiter in die Pedale zu treten."

In den letzten Jahren habe ich akustische Begleitung zu schätzen gelernt - natürlich unter Erhaltung der Verkehrstauglichkeit. Zunächst habe ich die Wirkung von Musik auf mein Fahrverhalten beobachtet: Während bei Bachs Brandenburgischen Konzerten die Umgebung ihre landschaftlichen Reize entfaltet, gleicht sich bei Lady Gaga die Trittfrequenz den stampfenden Rhythmen an. Nichts verleitet jedoch so sehr zum gedanklichen Eintauchen wie ein spannendes Hörbuch - je länger und je ausführlicher, desto besser. Auf einem Forstweg der stetigen Aufwärtsbewegung ergeben, wo durch das Blätterdach der Bäume immer wieder die Sonnenstrahlen brechen, gedanklich dabei vollständig in einer Erzählung zu versinken ... das ist komprimierter Urlaub. Irgendwann beobachtet man das Gedächtnis bei der Arbeit, wie es Szenen der Geschichte mit markanten Punkten am Wegrand verbindet. 


Ich persönlich erinnere ich mich, wie ich beispielsweise zum Abschlussball in Stephen
Kings "Der Anschlag" eine steile Serpentinenstraße erklomm oder mich ein sommerlicher Regenguss auf einem Hochplateau überraschte, als in Markus Heitz' "Exkarnation" der Jäger Eric vor den Toren einer hochgeheimen Einrichtung eintraf.



Liebe Leserin, lieber Leser, wie hältst Du es mit Literatur und Sport, Gesamterlebnis oder Gegensatz? Und was waren Deine größten Siege gegen den eigenen inneren Widerstand?


Freudiges Weiterlesen!

© Wolfgang Brandner



Kommentare:

  1. Hey,

    das Buch klingt nach einem wirklichen Highlight. Ab und an sind solche Bücher ganz schön, wenn man in das Leben eines anderen eintaucht. Es kann teilweise so viel Gefühl rüberbringen. Steht jetzt sehr gerne auf meiner WuLi.
    Danke für die schöne Rezi.

    Liebe Grüße,
    Ruby

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  2. Hallo,
    eine schöne Rezi. Ich glaube, das Buch wandert mal auf meine WuLi :)


    Liebe Grüße
    Nanni

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  3. Wilja's Bücherkanal21. August 2015 um 21:23

    Ich habs auch gerade gelesen und fand es genauso gut wie du :-) Tolle Rezi! liebe Grüße!

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  4. Ich hab ja schon länger mit dem Buch geliebäugelt, aber das klingt ja doch gut, dann sollt ichs mir jetzt mal holen :) glg Franzi

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  5. Das ist bestimmt kein Fehler, viel Spaß damit!
    LG Marcus.

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  6. Danke für das Lob. Es ist schon ein schönes Buch :-)
    Viele Grüße, Marcus.

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  7. Danke Nanni, ich kann es dir wirklich empfehlen.
    LG Marcus

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  8. Vielen Dank für das Kompliment. Es war so schön dieses Buch zu lesen und ich wünsche dir genauso viel Spaß, wenn du es liest. Liebe Grüße, Sanni

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  9. Um es vorweg zu nehmen: Ich LIEBE historische Romane. Das war einer der Gründe, warum ich angefangen hatte, dieses Buch zu lesen. Der andere Grund war der Titel, „Worte in meiner Hand“. Ich fand diesen Titel irgendwie faszinierend, auch wenn ich noch nicht wusste, worum es in diesem Roman geht. Ich fing an zu lesen, ohne vorher auf den Klappentext oder die Buchrückseite zu achten, was ich sonst immer tat. Und schon die ersten Sätze, die ersten Absätze und Seiten zogen mich in ihren Bann.

    Ich LIEBE Bücher, die sich so leicht lesen lassen, dass man die Seiten beinahe verschlingt. "Worte in meiner Hand" ist so ein Buch. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal so schnell las – ich tauchte in die Geschichte ein und sie hielt mich fest, sie ließ mich nicht los.

    Als der Name Descartes auftauchte, machte ich eine Pause und schaute auf den Buchumschlag. Erst in dem Moment wurde mir klar, dass der Monsieur, um den es ging, Rene Descartes war. Zugegeben: Ich kannte vorhin nur seinen Namen und dass er ein Philosoph war, nichts mehr. Und ich wusste nichts von Helena van der Strom. Nun konnte ich durch dieses Buch etwas Neues lernen, auch wenn die Geschichte, die hier beschrieben wird, teilweise erfunden war, was man auf den letzten Seiten erfährt. Aber das war für mich eher unwichtig. Ich fand sie durchaus glaubwürdig. Und ich hatte das, was ich an einem Buch so mag: Ich war die ganze Zeit gespannt, wie es weiter geht. Ich konnte nicht aufhören zu lesen. Und das ist vor allem dem Schreibstil der Autorin zu verdanken. Ich weiß nicht, wie der Text in der Originalsprache rüberkommt, aber die Übersetzung fand ich einfach genial. Der Schreibstil ist sehr ansprechend, die Sprache in den meisten Sätzen berührend schön. Ein wahrer Genuss, von dem ich
    nicht genug haben konnte.

    Das Einzige, was mich anfangs ein wenig irritierte, waren chronologische Sprünge in der Anordnung der Kapitel, aber auch mitten im Text. Manchmal musste ich aufpassen, welches Jahr am Anfang des jeweiligen Kapitels geschrieben stand. Aber als literarisches Mittel, um Spannung zu schaffen, sind
    diese Sprünge keine Seltenheit.

    Wenn „Worte in meiner Hand“ als Debüt von Guinevere Glasfurd bezeichnet wird, dann ist das ein brillantes Debüt! Und die Förderung, die die Autorin für dieses Buch bekam, ist mehr als gerecht!

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  10. Hallo Skorpion,
    historische Romane müssen sich nicht zwangsweise staubig anfühlen. Mir hat der flüssige Schreibstil auch viel Spaß gemacht. So lasse ich mich gern in eine andere Epoche entführen.
    Viele Grüße,
    Marcus

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