Verlust | Paul Harding

Mittwoch, 12. August 2015 0 Kommentare

Für »Tinkers« wurde Paul Harding mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet. Nun schreibt er die Geschichte der Familie Crosby, die in dem Städtchen Enon in Maine lebt, fort.

[Klappentext] »Die meisten Männer aus meiner Familie machen ihre Frauen zu Witwen und ihre Kinder zu Waisen. Ich bin die Ausnahme. Mein einziges Kind, Kate, wurde mit dreizehn von einem Auto angefahren und getötet, als sie mit dem Fahrrad vom Strand nach Hause fuhr.« Damit beginnt die Geschichte von Charlie Crosby aus Enon, von seinem Weg durch die Hölle und, vielleicht, wieder zurück. Denn seine Trauer ist so maßlos, so allumfassend und unversöhnlich, dass sie sein Leben immer mehr zerstört. Seine Frau verlässt ihn bald nach dem Tod der Tochter, und Charlie, der sich in einem seiner Wutanfälle die Hand gebrochen hat, ernährt sich seitdem mehr oder weniger von Schmerztabletten und Alkohol und verwahrlost zusehends. Er kann sich um die Außenwelt nicht mehr kümmern, zu sehr nimmt ihn sein Innenleben gefangen: Gegenwart und Vergangenheit durchdringen sich, Erinnerungen an den verstorbenen Großvater, lange Spaziergänge und Vogelbeobachtungen in den Wäldern von Maine, die Geschichte von Enon und auch von Salem, das ganz in der Nähe liegt, und seinen Hexen in früheren Zeiten – all das bestimmt seine Gedanken und sein Sein. Vor allem aber sind da immer wieder Erlebnisse und Gespräche mit seiner über alles geliebten Tochter, Entwürfe verschiedener Leben, die er mit ihr hätte erleben wollen. Denn er kann und will ihren Tod nicht akzeptieren … (© Text und Bild: Luchterhand Verlag)


[mk] Es ist brutal, wenn man sein Kind verliert. Dadurch wird Charlie aus der Bahn geworfen. Und als seine Frau zu ihren Eltern fährt, gibt es niemanden mehr, der ihn vor dem Absturz bewahrt. Der Roman ist aus der Ich-Perspektive geschrieben und ist dadurch sehr intensiv. Ich bin als Leser praktisch drin in Charlies Kopf und bekomme seine Gedanken mit. Je schlimmer es mit seinem Tabletten- und Alkoholmissbrauch wird, desto surrealer werden seine Halluzinationen, manchmal lege ich das Buch weg und komme mir vor als wenn ich mit auf seinem Trip bin.

Seine Gedanken gehen immer wieder zurück in seine Kindheit, als er mit seinem Großvater durch die Natur streifte oder ihm bei Reparaturen half. Die Beschreibungen der Wälder und Wiesen, der Geschichte und der Bewohner von Enon sind liebevoll und sehr atmosphärisch. Die Schreibweise ist immer wieder bildgewaltig und virtuos, mal direkt und mal verschnörkelt, für mich sprachlich ein besonderer Genuss.

Trotz des emotionalen Themas wird das Buch nie kitschig. Charlie erzählt eher nüchtern darüber, wie er versucht, mit dem Verlust von Kate umzugehen. Er nimmt seinen Absturz auch bewusst wahr, er macht niemand anderen als sich selbst dafür verantwortlich. Und trotzdem kann er es nicht verhindern. Das macht ihn menschlich, machen wir nicht alle manchmal Dinge, die uns schaden? 

Hoffentlich nicht so heftige wie Charlie...


Paul Harding, der für "Tinkers" mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde, setzt die Geschichte der Familie Crosby aus Enon in Maine fort. "Verlust" kann aber auch problemlos als eigenständiger Roman gelesen werden. 
Ein intensives Buch, das bei mir dadurch punktet, dass es nicht auf die Tränendrüse drückt. Trotzdem hat es mich emotional angesprochen. Ein heftiger Trip auf dem Weg nach unten. Und sprachlich sehr bemerkenswert.

© Rezension: 2015, Marcus Kufner



Aus dem Amerikanischen von Silvia Morawetz
15. Juni 2015 / Gebunden / 272 Seiten / ISBN: 9783630873770





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