Der Biograf von Brooklyn | Boris Fishman

Donnerstag, 26. November 2015 0 Kommentare


[Klappentext] Den Journalisten Slava Gelman aus Manhattan und seine aus der Sowjetunion nach Brooklyn emigrierte, schrullige Familie trennen nur ein paar U-Bahn-Stationen – und doch Welten. Nun ist Slavas geliebte Großmutter Sofia gestorben, gleichzeitig trifft ein Brief der „Konferenz für jüdische Schadensersatzansprüche gegen Deutschland" ein. Ob Sofia eine Vergangenheit zu erzählen hat, die eine Entschädigung rechtfertigt? Slavas Großvater wittert eine Gelegenheit. Auch wenn Sofias Schicksal nicht den strengen Anforderungen für eine solche Zahlung entspricht: Ist sein Enkel nicht Schriftsteller? Schriftsteller schreiben doch Geschichten. So wird Slava unfreiwillig und zögerlich zum Biografen seiner Familie. Wenig später kann er sich vor Aufträgen aus der Nachbarschaft kaum retten – bis die ganze Sache aufzufliegen droht ...
[© Text und Bild: Blessing Verlag]

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[mk] Slavas Familie stammt aus Minsk in Weißrussland. Seine Großmutter hat das jüdische Ghetto dort überlebt, was nur wenigen gelang. Damit wäre sie berechtigt, Zahlungen von Deutschland zu erhalten. Da sie nun aber leider verstorben ist, kommt sein Opa auf die Idee, ihre Geschichte zu seiner zu machen. Slava lässt sich schließlich überreden, den Brief mit der gefälschten Biografie zu formulieren.
Sein Großvater, eifrig wie er ist, informiert einige Landsleute in der Nachbarschaft darüber, die Slava sogleich bitten, auch für sie tätig zu werden. Damit wird das Geschichtenbasteln fast schon zu seiner Hauptbeschäftigung. Er wird im Laufe der Zeit immer nervöser wegen dieser illegalen Tätigkeit. Wird er nicht schon verfolgt? Kann sein Großvater denn nichts für sich behalten?



Boris Fishman rückt eine Generation ins Rampenlicht, die bald schon ausgestorben sein wird. Seine alten, liebenswert kauzigen Charaktere sind im alltäglichen Straßenbild eher unauffällig. Was sie aber im Laufe ihres Lebens mitgemacht haben prägt sie bis heute. In Kriegszeiten und danach in der Sowjetzeit, in der die Juden auch unterdrückt wurden, waren Anpassungsfähigkeit und Einfallsreichtum nötig, um über die Runden zu kommen. Slava dagegen ist nach der Auswanderung nach Amerika in einer ganz anderen Gesellschaft aufgewachsen. Er versucht sich von den weißrussischen Wurzeln zu lösen und bricht den Kontakt zur Familie ab. Erst als seine Oma stirbt wendet er sich ihr wieder zu. Somit muss er doch einen Weg finden, diesen Konflikt zwischen seiner Abstammung und seinem modernen Leben zu lösen.

Die Sprache des Romans ist weder blumig noch verschachtelt. Trotzdem erscheinen mir die Beschreibungen der Orte und Personen sehr bildhaft. Besonders die Dialoge zwischen Slava und seinem Großvater fand ich herrlich. Ständig sind sie am Streiten und doch voller Zuneigung. Das ist sehr gut eingefangen.

Nicht zuletzt ist das Buch auch eine Liebeserklärung an New York. Ob Brooklyn oder Manhattan, die Atmosphäre und die Facetten der Stadt und deren Einwohner wirken sehr lebendig und glaubhaft. Gerade das Multikulturelle macht diese Stadt so einmalig.


[Persönliches Fazit]

Eine Familiengeschichte von Auswanderern und den nachfolgenden Generationen. Fürmich ist das Buch ein interessanter Einblick in das Leben von Menschen, die ihre Heimat verlassen haben um für sich und ihre Kinder eine freie und würdigere Zukunft zu finden. Besonders gut gelungen finde ich die Sprache, mit der der Autor eine glaubwürdige Atmosphäre und ganz besondere Charaktere erschafft.

© Rezension: 2015, Marcus Kufner



Aus dem Amerikanischen von Friedrich Mader
2. November 2015, Gebunden, 384 Seiten, ISBN: 9783896675514



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