Eiskalte Verschwörung | Astrid Korten

Montag, 7. Dezember 2015 1 Kommentar

[Klappentext] Berlin ist in Aufruhr. Als das Herz von Bardo Erbach, renommierter Kriminologe und Berater des Innenministeriums, aufhört zu schlagen, erschüttert gleichzeitig ein bestialischer Mord die Bundeshauptstadt. Seine Tochter Alexa, Leiterin der Forensischen Strafanstalt, stimmt nach seiner Beisetzung einer Studie des Innenministeriums zu. Parallel geraten Alexa, ihr siebenjähriger Sohn Josh und Tom, ihr Ehemann und Ermittler beim BKA, ins Visier des Softwareentwicklers und Psychopathen Janus. Gewalt und Tod bestimmen auf einmal Alexas Leben ... Ein spannender, hochbrisanter Top-Thriller, der die Gefahren von Predictive Policing die vorhersehende Polizeiarbeit und der digitalen Überwachung skizziert. [Cover +Text: © CW Niemeyer Buchverlage]

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[wb] "Eiskalter Schlaf", "Eiskalte Umarmung", "Eiskalter Plan" ... Obwohl die Titel von Astrid Korten wenig distinktiv sind und an die Übertragungen der James Bond-Filme der Achtziger Jahre ins Deutsche erinnern, ist das Attribut "eiskalt" inzwischen zu ihrem Markenzeichen geworden. Der aktuelle Thriller "Eiskalte Verschwörung" fügt sich nahtlos in diese Reihe, was seinen Namen betrifft. Auch inhaltlich hat die Autorin inzwischen wiederkehrende Muster entwickelt, sodass treue Leser einen neuen Roman sofort ihr zuordnen können. Dazu gehört in erster Linie das gesellschaftliche Biotop des mondänen Geldadels.
Durch frigide Frauen- und feminine Männerfiguren werden außerdem stereotype Geschlechterrollen aufgeweicht. Die Protagonisten sind vielfach in Führungspositionen von Konzernen beschäftigt, verfügen über distingiuerte Manieren und zumindest einen Hochschulabschluss. Die Figuren sind umgeben von einer Aura der Macht und scheuen nicht davor zurück, diese zur Erreichung ihrer eigennützigen Ziele auch auszuüben. Der materielle Reichtum ist oft gepaart mit einer Armut an Gefühlen, was zu gefährlich skrupellosen Persönlichkeiten führt. Um ihre Antagonisten noch furchteinflössender erscheinen zu lassen, evoziert Korten eine perverse Ästhetik der Brutalität. Die explizit geschilderten Grausamkeiten wirken abstoßend, werden jedoch niemals als inflationäre Effekthascherei, sondern als behutsam dosiertes Stilmittel eingesetzt. Wenn wissenschaftliche Expertisen mit dem sexuellen Vokabular von Überlegenheit und Unterwerfung formuliert werden, ist dies oft Ausdruck einer verzweifelten Suche. Bei Korten ist, ähnlich wie bei Bret Easton Ellis, Gewalt die Sprache der Sprachlosen, und so wort- und weltgewandt die Figuren auch sein mögen, so leiden sie doch unter emotionalem Analphabetismus. Astrid Korten schafft somit eine beängstigende Atmosphäre kalter Sterilität, beherrscht aber gleichzeitig die Kunst, nicht gänzlich emotionslos zu verbleiben. Üblicherweise geraten nämlich die Hauptfiguren zwischen die Räder der Maschinerie der Macht, die komplementär zu ihren Gegenspielern zwar über weniger materielle Mittel verfügen, dafür wesentlich empathischer veranlagt sind, altruistischer handeln.

Ganz konkret bildet das Thema "Predictive Policing" das Thema des aktuellen Thrillers.
Hinter diesem hochmodernen Schlagwort verbirgt sich die Vorhersage und in weiterer Folge Verhinderung von Verbrechen durch statistische Auswertungen basierend auf einer Vielzahl an Daten über Demographie, Psychologie, Beschaffenheit des urbanen Lebensraumes und noch unzähligen mehr. Was vom amerikanischen Science Fiction-Autor Philipp K. Dick bereits ersonnen und als "Minority Report" verfilmt wurde, findet nun langsam seinen Weg auch in unseren Alltag. Mit Projekten in Los Angeles, aber auch Zürich und Berlin konnten bereits erste Erfolge erzielt werden. Somit war es nur eine Frage der Zeit, bis sich auch die Spannungsliteratur dieses Themas annimmt. Zumindest im deutschsprachigen Raum dürfte Sebastian Fitzek, moderne Symbolfigur des raffinierten Psychothrillers, das Rennen für sich entscheiden.

Mit ihrem neuen Roman stellt sich Astrid Korten selbstbewusst dem Vergleich mit dem prominenten Kollegen. Wo aber Fitzek wieder die Wahrnehmung seiner Figuren und Lesern in Frage zu stellen verspricht, erzählt Korten naturgemäß eine Geschichte kühl kalkulierter Intrigen, die diesmal sogar weltpolitische Dimensionen annehmen. Was, wenn die Predictive-Policing-Software in die falschen Hände fällt? Was, wenn damit nicht Verbrechen verhindert, sondern gefährlich präzise  geplant werden? Und wer bestimmt, welche Hände die richtigen und welche die falschen sind?
Diese brisanten Fragen bilden jene Kordel, auf die die Handlungsstränge um eine Kriminalistendynastie, einen brutalen Berufskiller und psychologische Experimente mit Häftlingen aufgewickelt sind. Im Bewusstsein des Lesers werden sie zu einem undurchdringlichen Geflecht aus Manipulation, Zweifel und ebenso subtiler wie wirkungsvoller Zerstörung einer Persönlichkeit gesponnen. Die Autorin versteht es außerdem, den Leser ins Grübeln über die eigene unterschwellige Beeinflußbarkeit zu versetzen. Inwieweit ist der freie Wille nur eine wohlige Illusion, inwieweit entstammen unsere Entscheidungen auch tatsächlich unseren eigenen Überzeugungen? Die Aufweichung der Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit verleiht dem Roman noch zusätzlich an Spannung, zieht den Leser noch tiefer ins Geschehen.

Einzig im sprachlichen Ausdruck findet sich die inhaltliche Schärfe noch nicht hundertprozentig wieder.Stilistisch vermeint man die Geschichte manchmal noch wie durch Milchglas anstatt eine blankpolierte Scheibe wahrzunehmen. Wenn beispielsweise Nebenfiguren nur rasch und oberflächlich charakterisiert werden oder einzelne Ausdrücke ins Satzgefüge gezwungen wirken, sehnt man sich nach jene Präzision, die die Autorin erlangt, wenn sie in der Schilderung der Körpersprache ihrer Figuren, emotionale Ausnahmezustände oder detaillierter Grausamkeiten über sich hinaus wächst.

[Persönliches Fazit]

Die Vorhersage von menschlichem Verhalten mittels Algorithmen und die Auswertungen von Datenbanken ist derzeit ein brandaktuelles Thema, das genügend Stoff für spannende Geschichten liefert. Astrid Korten und Sebastian Fitzek haben es bereits aufgegriffen. Wem von beiden dies besser gelingt ..? Werte Leser, entscheiden Sie selbst.

© Rezension,2015 Wolfgang Brandner


>> Wolfgang durfte Frau Korten einige Fragen zu Ihrer Arbeit und zum Schreiben im Allgemeinen stellen.  HIER geht es zum Interview.



21. Oktober 2015 | 304 Seiten | ISBN: 978-3827194374




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1 Kommentar:

  1. Vielen Dank für die Rezension, lieber Wolfgang. Wie bereits im Interview angedeutet, benutze ich in Eiskalte Verschwörung bewusst die
    milchig-glasige Darstellung, wie auch Dürrenmatt die Wahrnehmungsspiele
    ständig durchexerzierte, von den Physikern an. Er manifestiert es in
    seinen Ansprüchen an den Kriminalroman. Und ich treibe es auf die
    Spitze. Bei mir steht die Gewalt nicht nur für die Versehrung des
    menschlichen Körpers, sondern für das Böse.

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