MR. GWYN | ALESSANDRO BARICCO

Mittwoch, 23. März 2016 0 Kommentare


Jasper Gwyn, ein berühmter englischer Schriftsteller Anfang vierzig, fasst eines Tages einen weitreichenden Entschluss. In einem Zeitungsartikel listet er 52 Dinge auf, die er fortan nicht mehr zu tun gedenkt, darunter auch: Bücher schreiben. Stattdessen beschließt er, in seinem neuen Leben als "Kopist" zu arbeiten und Porträts anzufertigen - dies allerdings nicht mit Pinsel und Palette, sondern in geschriebener Form. Er mietet ein Atelier an, wo ihm fortan Menschen Modell sitzen, die sich später in seinen Porträts gänzlich wiederfinden werden. Bis eine junge Frau auftaucht, die sich den strengen Regeln des Kopisten entzieht. [© Text und Bild: Hoffmann und Campe Verlag]
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[mk] Porträts geschrieben statt gemalt – wie soll das denn funktionieren? Jasper weiß das selbst noch nicht genau, als er sich entschließt, seine sämtlichen Ersparnisse in diese Idee zu stecken. Mein Respekt vor diesem Mut. Wer hat nicht hin und wieder den Wunsch, aus dem Alltag auszubrechen und an der Verwirklichung seiner Träume zu arbeiten? Dieses Risiko einzugehen, ohne zu wissen, ob es gelingt? Nur wenige versuchen das, und noch weniger haben Erfolg damit. Jaspers Erleichterung, als er sich von seinen Verpflichtungen löst, kann ich gut nachempfinden.

„Wenn sein Blick zufällig auf einen Zeitungsartikel oder das Schaufenster einer Buchhandlung fiel, die ihn an die Gefechte erinnerten, aus denen er sich soeben zurückgezogen hatte, spürte er, wie ihm das Herz leicht wurde, und ihn erfüllte die Samstagsnachmittagstrunkenheit eines Kindes." (S. 16)


Sein Freund und Literaturagent Tom hält sein Abschied vom Schreiben erst für einen Marketinggag, ist dann aber entsetzt als er merkt, dass es Jasper ernst meint. Er kann mit Jaspers Plan nichts anfangen. Und ich weiß auch nicht, was ich mir unter schriftstellerischen Porträts vorstellen soll. Ich frage mich, wie er das machen will und vor allem, was er dann schreiben wird. Dieser Spannungsbogen zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Jasper nimmt sich Zeit. Akribisch richtet er sich das Atelier ein und plant über dreißig Tage je Model ein. In unserer schnelllebigen Zeit, wo alles sofort und immer griffbereit auf Knopfdruck festgehalten, mitgeteilt und gleich wieder vergessen wird, ist es fast schon eine Notwendigkeit, zu bremsen, Pause zu machen oder auch Alltägliches bewusst wahrzunehmen. Ein inspirierender Ansatz.

Was ist Kunst? Darüber lässt sich gut streiten. Was den einen verzaubert, findet ein anderer nur unsinnig. Porträts schreiben – was soll das bringen? Gemalt oder fotografiert erkennt man den Menschen doch viel besser. Alessandro Baricco überzeugt mich, dass es möglich ist. Es gelingt ihm, mich in den Bann zu ziehen. Das liegt sicherlich auch daran, dass er ein wunderbarer Erzähler ist. Seine Charaktere umgibt eine warme, wohlige Aura. 

PERSÖNLICHES FAZIT



„Mr. Gwyn" hat mich davon überzeugt, dass das Porträtieren mit Worten möglich ist. Die charmanten Charaktere, der exzellente Schreibstil und die faszinierende, sehr gut ausgearbeitete Idee haben mir beim Lesen viel Spaß gemacht. Wer eine andere Art von Schreibkunst kennenlernen will, ist hier richtig.

© Rezension: 2016, Marcus Kufner


Mr. Gwyn | Alessandro Baricco | Hoffmann und Campe Verlag*

Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki
27.02.2016, gebunden, 320 Seiten, ISBN: 9783455405613



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