REZENSION: DAS ZIMMER | JONAS KARLSSON

Freitag, 10. Juni 2016 1 Kommentar



Jonas Karlsson erzählt in der Tradition Franz Kafkas von der wundersamen Verwandlung des kleinen Angestellten Björn, der eines Tages im Büro ein geheimes Zimmer entdeckt, im Flur gleich neben der Tonne für das Altpapier und dem Aufzug. Sobald Björn diesen Raum betritt, ist er ein anderer Mensch: Produktiv, kreativ - und glücklich. Doch niemand will ihm glauben, dass dieses Zimmer existiert. Ist er womöglich verrückt geworden, oder ist dies ein geschickter Schachzug seiner Kollegen, um ihn loszuwerden? [© Text und Cover: rubikon audioverlag]

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[mk] Wir begleiten Björn an seinem ersten Tag bei seiner neuen Arbeitsstelle in ein Großraumbüro einer schwedischen Behörde. Das Buch ist aus der Ich-Perspektive geschrieben, somit können wir Björns Gedanken und Eindrücke direkt verfolgen.
Schnell wird mir klar, dieser Björn ist ein unangenehmer Zeitgenosse. Von Beginn an fühlt er sich seinen Kollegen überlegen und hält seinen Vorgesetzten für unfähig. Gleichzeitig ist er äußerst penibel und er strukturiert seine Arbeitszeit nach seinen Maßstäben effektiv. Geselligen Kontakt zu den Kollegen blockt er gleich ab, seine Persönlichkeit hat stark soziopathische Strukturen.

Das Zimmer ist ein kleines, unscheinbares und aufgeräumtes Büro. Björn entdeckt es eher zufällig, es wird offensichtlich nicht genutzt. Es zieht ihn aber immer wieder zu ihm hin. Seltsam wird es dann, als seine Kollegen behaupten, dass es dort keine Tür, also kein Zimmer gibt. Alles was sie sehen ist, wie er wie weggetreten vor der Wand steht. Das macht sie nervös, sie halten ihn für verrückt und als Mitarbeiter unzumutbar. Für sie ist klar: Björn muss weg.

Wer in einem Büro arbeitet, wird einiges aus seinem Alltag hier im Buch wieder finden. Jonas Karlsson ist ein exzellenter Beobachter, en detail seziert er die Arbeitsweise der Beamten und den Umgang miteinander. Björns distanzierte Gedankengänge haben mich immer wieder amüsiert. Und mir stellt sich die Frage, wer denn der Verrücktere ist: Björn, weil er anders ist oder die kleingeistigen Kollegen, die sich gegen ihn verbünden, weil sie mit dem Ungewöhnlichen nicht zu Recht kommen?

Mark Bremers Stimme passt sehr gut zu dem Text. Die intensive Schreibart von Jonas Karlsson wird von ihm sehr gut transportiert. Durch die Ich-Perspektive bin ich praktisch direkt in Björns Kopf.

PERSÖNLICHES FAZIT


Ein intensives Kammerspiel, das die Absurditäten des Büroalltags gnadenlos offenlegt. Die Gedanken des Protagonisten dazu sind so seltsam, dass sie schon wieder amüsant sind. DAS ZIMMER ist ein gelungenes Spiel mit der eigenen Wahrnehmung.

© Rezension: 2016, Marcus Kufner


Aus dem Schwedischen von Paul Berf, gelesen von Mark Bremer
11.04.2016, Hörbuch, 220 Minuten, ISBN: 9783945986264

1 Kommentar:

  1. Das ist gut ausgedrückt, dass man sich durch die Ich-Erzählung direkt in Björns Kopf versetzt fühlt. Auf jeden Fall konnte ich den wenige Seiten umfassenden Roman nicht aus der Hand legen, weil er mich von Anfang an irgendwie gefesselt hat.

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