REZENSION: BOBBY | EDDIE JOYCE

Sonntag, 3. Juli 2016 0 Kommentare


 Cover: Bobby von Eddie Joyce

Fast zehn Jahre ist es her, dass Bobby Amendola als Feuerwehrmann beim Einsturz der Twin Towers sein Leben lassen musste, und noch immer sind die Wunden in seiner irisch-italienischen Familie nicht verheilt. Weder bei dem Vater, der selbst Feuerwehrmann war, noch bei der Mutter, die weiterhin jeden Morgen in das unveränderte Zimmer des toten Sohnes geht. Auch beim großen Bruder, einem erfolgreichen Firmenanwalt, bricht der wohlgeordnet-sorgenfreie Alltag gerade auseinander, während das Leben seines Bruders Franky noch nie anders als zerbrochen war. Und dann will Bobbys Witwe ausgerechnet am neunten Geburtstag von Bobby Junior einen neuen Mann mitbringen in das Familienhaus auf Staten Island ... [© Text und Cover: DVA Verlag]

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[mk] In seinem Debütroman konzentriert sich Eddie Joyce nicht auf die dramatischen Ereignisse des 11. September 2001. Sein Fokus liegt auf Bobbys Angehörige, dabei fixiert er sich aber nicht nur auf die Folgen des Terrors, vielmehr entwirft er ein komplexes Familienportrait über mehrere Generationen.

Kapitelweise schreibt er über Bobbys Mutter Gail, seinen Vater Michael, über seine Brüder Peter und Franky oder über die Witwe Tina. Dabei springt er immer wieder in der Zeit zurück, beispielsweise als Gail und Michael sich kennenlernten, oder als Bobby in der Schule Basketball spielte. Das hat meinen Lesefluss immer wieder kurz stocken lassen, denn ich musste mich erst orientieren, von welchem Zeitraum gerade die Rede ist. Eine Angabe der Jahreszahl als Überschrift hätte mir geholfen.

Sprachlich ist das Buch auf gutem Niveau. Oft werden die Übersetzer nicht gewürdigt, bei BOBBY fällt die ausgezeichnete Arbeit der beiden allerdings auf.

"Er (Michael) und Gail leben im Schatten von Tragödien, in den übervölkerten, zu dicht bebauten Trümmern eines einst weiträumigen Paradieses, umgeben von Schwachsinnigen, die sich aufführen, als spielten sie die ganze Zeit in einer Reality-TV-Show, in der Dummheit, Stillosigkeit und Rüpelhaftigkeit prämiert werden."  (S. 269)

Man merkt, dass der Autor von Staten Island stammt. Sein Familienpanorama ist auch eine Hommage an die Inselbewohner, die zwar zu New York gehören, sich aber durch ihre Abstammung, das soziale Umfeld und die Kleinstadtatmosphäre abheben. Die größte Stärke des Buches sehe ich in der intensiven Charakterisierung seiner Protagonisten. Ihre Konflikte, ihren Zweifel, aber auch ihre Zuversicht und Hoffnung machen sie äußerst authentisch und glaubwürdig. Für mich ist das aber ein zweischneidiges Schwert, denn einerseits bin ich ihnen dadurch sehr nahe, andererseits fehlt es an dramatischen Höhepunkten. Das ergibt eine hervorragende Sozialstudie, ein Spannungsbogen fehlt jedoch.

PERSÖNLICHES FAZIT


Ich bin etwas zwiegespalten: einerseits beeindruckt mich die Intensität des Familienportraits, bei dem die Ereignisse von 9/11 verwoben sind, aber nicht im Fokus stehen. Andererseits fehlt mir der Spannungsbogen. Auf den hat der Autor zu Gunsten der Authentizität und einer latenten Dramatik verzichtet. Wen das nicht stört, dem kann ich Eddie Joyces Debütroman durchaus empfehlen.

© Rezension: 2016, Marcus Kufner


Aus dem Englischen von Hans-Ulrich Möhring und Karen Nölle
13.06.2016, gebunden, 416 Seiten, ISBN: 9783421046512


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