REZENSION: ENDGÜLTIG | ANDREAS PFLÜGER

Freitag, 22. Juli 2016 0 Kommentare



In ihrem ersten Leben war Jenny Aaron eine Elitepolizistin mit überragenden Fähigkeiten. In ihrem zweiten ist sie Verhörspezialistin und Fallanalytikerin beim BKA. Sie spürt das Verborgene und versteht es, zwischen den Worten zu tasten. Denn seit einem missglückten Einsatz in Barcelona vor fünf Jahren ist Jenny Aaron blind und traumatisiert. Doch "Barcelona" war nicht der schlimmste Tag ihres Lebens. Sie hat sich geirrt — der schlimmste Tag ihres Lebens ist heute.
Fünf Jahre nach Barcelona erhält Aaron einen Anruf: Die früheren Berliner Kollegen bitten sie um ihre Mithilfe. Reinhold Boenisch, ein zu lebenslänglich verurteilter Frauenmörder, gegen den Aaron als junge Polizistin ermittelte, hat im Gefängnis eine Psychologin getötet. Sie entschließt sich, den Fall anzunehmen und sich ihrer Vergangenheit zu stellen. Doch Boenisch ist nur der Anfang, eine Schachfigur in einem Komplott. Aaron wird erkennen, dass ihr bisheriges Leben eine einzige Vorbereitung auf die folgenden sechsunddreißig Stunden war. Um dieses Leben wird sie kämpfen müssen wie nie zuvor. [Original Klappentext © Suhrkamp Verlag

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[wb] Sehend geboren, ist die Hauptfigur durch einen Unfall erblindet. Nach einer ersten Periode des Haderns um das verlorene Augenlicht lernte sie jedoch rasch, sich mit den neuen Gegebenheiten zurechtzufinden und entwickelte eine Meisterschaft darin, die Umwelt mit den verbliebenen vier Sinnen zu erkunden.
Mit Hilfe ihres hochtrainierten Gehörs, ist sie in die Lage, Räume durch die Reflexion von Schallwellen zu erkunden, Gegenstände zu erkennen, sogar Textur und Beschaffenheit von Materialen zu bestimmen. Durch den Geruchssinn kann sie nicht nur Personen erkennen und aufgrund der Ausdünstungen ein Profil des Charakters erstellen, sondern auch Umgebungen ein- und Entfernungen abschätzen. Dazu kommt eine durch Kampftechniken geschulte Körperbeherrschung und präzise Kenntnisse der menschlichen Anatomie, die es ihr erlauben, jeden Gegner in Sekundenbruchteilen auszuschalten. Dabei erweist es sich immer wieder auch als hilfreich, aufgrund des fehlenden Sehsinns von diesen unterschätzt zu werden.

Gestatten, Matt Murdoch, im Zivilberuf als Rechtsanwalt, nachts als maskierter Rächer Daredevil für Gerechtigkeit kämpfend.
Gestatten, Jenny Aaron, ehemaliges Mitglied einer internationalen Spezialenheit, das seit einem mißglückten Einsatz als Fallanalytikerin des deutschen Bundeskriminalamts arbeitet.

Die Parallelen zwischen der Figur aus dem Hause Marvel und der Heldin des Debütromans von Andres Pflüger ist deutlich erkennbar. Ein entsprechendes Comicheft - der Fachbegriff lautet Visual Novel -, das im Roman auftaucht, wirkt wie ein Eingständnis des Autors.

Um die Leser jedoch nicht zu langweilen, erfordert eine Figur mit solch übermenschlichen Fähigkeiten einen zumindest ebenbürtigen Gegenspieler. Dieser wird ihr mit einem skrupellosen Mann namens Holm gegenübergestellt, der alle Attribute eines comictauglichen Superbösewichts mitbringt: Er ist kalt, berechnend, verfügt über einen messerscharfen analytischen Verstand, einen durchtrainierten Körper und Reflexe, die jenen von Jenny Aaron in nichts nachstehen. Er tötet kampferprobte Elitepolizisten beiläufig wie lästige Insekten, er war es auch, der fünf Jahre vor der aktuellen Handlung in Barcelona Jennys Erblindung verschuldete. Sein Ziel ist es, die Inhaftierung seines Bruders zu rächen ... und sich mit der einzigen Gegnerin zu messen, die es mit ihm aufnehmen kann.

Allein die Figurenkonstellation bietet die ideale Ausgangssituation für einen spannungs- und actiongeladenen Thriller. Daß der Roman jedoch als hochwertig gebundenes Buch und nicht zwischen zerfledderten 007-Imitaten angeboten wird, ist unter anderem dem Stil des Autors zu verdanken. Sich an den Sinnen seiner Hauptfigur orientierend, zelebriert er lustvoll das Spiel mit den Wahrnehmungen. Die kurzen elliptischen Sätze blitzen oft wie Fragmente von Eindrücken auf, beinahe synästhetisch vermengen sich Berührungen und Geräusche, dazwischen ein kurzes Schlußfolgern über die Beschaffenheit des Aufenthaltsortes. Der Geruchssinn als archaisches Gedächtnis löst immer wieder Erinnerungen aus, die der Autor geschickt mit Rückblenden verknüpft. In ihrer Aufgabe als reguläre Ermittlerin mußte Jenny Aaron die Gefangenschaft im Keller eines Schwerverbrechers erdulden, daher rührt ihre eiserne Entschlossenheit. Im testosterondurchsetzten Kameradschaftskodex der Polizei mußte sie ihren Platz erst erarbeiten, daher rührt der Respekt, den sie bei ihren Kollegen genießt. Interessanterweise trägt sie einen männlichen Vornamen als Nachnamen, mit dem sie in der Erzählung referenziert wird. Wie um ihre Härte und Männlichkeit auch formal permanent zu beweisen, wird auf sie stets mit "Aaaron", nie mit "Jenny" bezug genommen.

Ein weiteres immer wiederkehrendes stilistisches Element sind Jenny Aarons Top-Ten-Listen, mit denen sie Eindrücke kategorisiert. Unter den Dingen, die nicht gerne hört, finden sich etwa das Klappern von schweren Schlüsseln, Getuschel, die Frage "Sind Sie blind?" und Kreide auf einer Tafel. Umgekehrt zählen Kinderglucksen, ein Bleistift auf Papier, Regen auf einem Blechdach und Buchseiten beim Umblättern zu ihren Lieblingsgeräuschen.
Diese Listen dürfen nicht nur als Anspielung auf eine Art zeitgeistiges Rankingfieber verstanden wissen, sondern dienen auch dazu, Vorlieben, Leidenschaften, Sehnsüchte der Figur zu verdichten, um damit ihren Charakter noch schärfer zu zeichnen. Als bemerkenswerter Nebeneffekt ertappt sich auch der Leser dabei, anhand dieser Aufzählungen seine Umwelt wieder bewußter zu erkunden. Wie fühlt sich der Boden unter den Füßen an, wenn man für ein paar Schritte die Augen schließt, welchen Geruch verströmt der Wald nach einem Regenguß?

In der Hörbuchfassung fungiert die deutsche Schauspielerin Nina Kunzendorf als Erzählerin. Mit authentischem Berliner Dialekt in der direkten Rede konturiert sie selbst Nebenfiguren, in der unscharfen Betonung von Silben und Verschleifung von Wortgrenzen ist sie oft näher an der Umgangs- als an der Schriftsprache. Dieser Stil erfordert daher eine Weile des Einhörens, ehe zwischen Hörer und Sprecherin die erforderliche Vertraulichkeit besteht. Dann jedoch lernt man es zu schätzen, wenn die zuvor als unsauber empfundene Aussprache die rasche Abfolge ineinander zerfließender Sinneswahrnehmungen Jenny Aarons akustisch noch unterstützt, wenn die Variationen im Sprechtempo den Charakter der Geschichte erfassen.

PERSÖNLICHES FAZIT


Kein Plagiat, sondern ein Hommage: Jenny Aaron wirkt wie ein neues Alter Ego des Comichelden Daredevil, mit dem der Leser ein adrenalindurchsetztes Action-Abenteuer durchstehen darf.
Selten zuvor war ein Thriller aufgrund der Geschichte so prädestiniert für ein Hörbuch.

© Rezension, 2016 Wolfgang Brandner


Endgültig | Andreas Pflüger


>> Printbuch Hardcover | Suhrkamp Verlag | Gebunden 459 Seiten
ISBN: 978-3-518-42521-3 | Erschienen: 07.03.2016

>> Hörbuch MP3-CD | Random House Audio | 3 CDs, Laufzeit: ca. 784 Minuten
ISBN: 978-3-8371-3402-5 | Erschienen: 08.03.2016

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