Rezension: Prey | James Carol

Freitag, 9. September 2016 0 Kommentare

Wenn du mir folgst, werde ich dich töten

»Wir lügen alle. Und am meisten belügen wir uns selbst.«


Jefferson Winter, der Profiler mit dem unheimlichen Gespür dafür, wie Serienkiller ticken, hat gerade einen Job in New York zu Ende gebracht. Vor der Abreise nach Paris zu seinem nächsten Fall geht er in einem Diner etwas essen. Es ist zwei Uhr nachts, der einzige andere Gast ist eine platinblonde Frau mit Lederjacke. Als Winters Essen serviert wird, steht sie auf - und ersticht vor seinen Augen den Koch. Dann geht sie seelenruhig davon ... Eine Provokation, die Winter nicht ignorieren kann: Paris muss warten. Das Spiel ist eröffnet. [Text & Cover: © dtv Verlag]

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ACHTUNG: Die folgende Rezension beinhaltet SPOILER


Jefferson Winter ist ein aus den beiden Vorgängerbänden "Broken Dolls" und "Watch Me" bekannter ehamliger FBI-Profiler mit starker erblicher Vorbelastung: Sein Vater wurde nämlich als verurteilter Serienmörder hingerichtet, was der junge Jefferson mit ansehen mußte. Keine Frage, daß dies sowohl seine Persönlichkeit als auch seinen Werdegang prägt. Mit überdurchschnittlicher Intelligenz ausgestattet, präsentiert er sich außerdem als Hedonist, der ausgewählte Whiskeys und die Musik Mozarts über alles schätzt. Als freiberuflicher Berater wird er von den offiziellen Behörden engagiert, wenn es darum geht, raffinierte Serienmörder zur Strecke zu bringen. Winter ist arrogant, besserwisserisch, dabei jedoch stets brilliant in seinen Schlußfolgerungen, quasi ein Dr. House der Psychopathologie, eine ähnlich originelle Figur wie Andreas Grubers Maarten S. Sneijder. Nach zwei mit seinen unkonventionellen Methoden gelösten Fällen steht nun sein Autor vor der Herausforderung, ihm einen ebenbürtigen Gegner zu schaffen, einen Dr. Moriarty für seinen Sherlock Holmes.

Wie aber muß nun jenes kriminelle Mastermind beschaffen sein, das Jefferson Winter zur titelgebenden Jagdbeute werden läßt?

Dazu konzipiert Carol die Figur der Amelia Price, die sich aus einer interessanten Sammlung an Persönlichkeitsaspekten konstiuiert, die in manchen Fällen jene Winters spiegeln, in anderen die seinen umkehren:

* Beide haben mit einer übermächtigen Vaterfigur zu kämpfen. Während Winter sein ganzes Leben die erbliche Last auf seinen Schultern fühlt, scheint Amelia auf ihre Weise eine Entscheidung erzwungen zu haben.
* Winter gibt sich nach außen unnahbar, legt Wert darauf, sich von seinen Mitmenschen durch seinen Intellekt zu unterscheiden. Amelia im Gegensatz ist ein menschliches Chamäleon. Ihr Wesen ist dezent, die Kleidung unauffällig, sie verschwindet problemlos in der Masse.
* Beide Persönlichkeiten sind hochgradig in ihrem Handlen von ihren Mitmenschen bestimmt. Während Winter passiv bleibt, andere bis ins letzte Detail analysieren, sie verstehen will, wird Amelia aktiv: Ihr Ziel ist es, andere Menschen zu beeinflussen, sie zu manipulieren.
* Sowohl Winter als auch Amelia unterdrücken ihre Emotionen und betonen den rationalen Aspekt ihres Wesens. Sie planen so weit wie möglich im voraus und bemühen sich, alle denkbaren Ausgänge einer Situation zu berücksichtigen.
* Der Einfluß des Vaters ist in ihrer beider Lebensaufgaben zu erkennen. Beide ziehen die Konsequenzen aus seinem Vorbild, die daraus resultierenden selbstgesetzten Ziele unterscheiden sich jedoch voneinander: Winter will den Vater immer wieder besiegen, indem er Serienmörder zur Strecke bringt, Amelia hingegen flieht vor sich selbst, indem sie wie in einem Prozeß der Häutung permanent die Idenität anderer Menschen annimmt.

Um nun einen Schurken so furchteinflößend wie möglich zu gestalten, ist es nicht unbedingt erforderlich, ihn möglichst viele Menschen ermorden zu lassen. Das Ausmaß des Schreckens, den er verbreitet, ist nicht proportional zur Länge der Blutspur, die er hinter sich zieht. Im Gegenteil, oft sind es die subtilen Gestalten, die sich darauf beschränken, ihren Schreckenstaten bloß anzudrohen, die am furchteinflößendsten sind. Diesem Gedanken folgend, begeht Amelia Price auch genau ein Gewaltverbrechen zu Beginn des Romans, indem sie den Koch eines Diners ersticht. Dies ist notwendig, um einerseits Winters Aufmerksamkeit zu erregen, andererseits, um ihre Kaltblütigkeit zu demonstrieren. Im weiteren Verlauf der Handlung kommt ihre Bösartigkeit allein durch die Angriffe aus der Entfernung zur Geltung ...

... oder besser gesagt: sollte zur Geltung kommen. Die Parallelen und Gegensätze in den beiden einander gegenüberstehenden Persönlichkeiten werden zu wenig scharf herausgearbeitet, um im einen das Gegenstück des jeweils anderen erkennen zu können. Über weite Strecken wird Amelias Vergangenheit erkundet, ihre Persönlichkeit entschlüsselt, während sie selbst aktiv zu wenige Akzente setzt. Sowohl ihre Winkelzüge aus der Ferne, als auch ihre persönlichen Auftritte bleiben zu selten, um als permanente Bedrohung wahrgenommen zu werden. In den Begegnungen mit Winter ist zwar stets sichergestellt, daß sie die Situation und damit auch sein Leben kontrolliert. Zugleich ist aber auch gewiß, daß sie auf ihn angewiesen ist und ihn weder ermorden, noch schwer verletzen wird. Amelia bleibt hier zu wenig unberechenbar. Auch ist im Duell, das sich zwischen den beiden entwickelt - entwickeln sollte - kein Einsatz vorgegeben: Die Konsequenzen einer etwaigen Niederlage Winters sind nicht bekannt, weder wird eine ihm nahestehende Person bedroht, noch gilt es beispielsweise eine klar umrissene Katastrophe zu verhindern. Letztendlich wird auch die entscheidende Frage - warum gerade Winter als Beute Amelias ausgewählt wurde - zwar beantwortet aber die zwingende Logik dahinter nicht erschlossen.

Insgesamt bleibt die Bedrohung also zu wenig konkret, um ein Höchstmaß an Spannung, wie es nach den beiden Vorgängerbänden zu erwarten gewesen wäre, aufzubauen. Das Potential für intellektuelle Duelle, für eine psychologisch aufreibende Schachpartie mit weit vorausgeplanten Zügen, kann nicht ausgenutzt werden. Ein Bild mag symbolisch für diese Symptomatik stehen: Währnend Jefferson Winter noch im ersten Teil der Serie, "Broken Dolls" seinen persönlichen Ruhepol in Mozarts Jupitersymphonie findet, endet er am Ende des aktuellen Romans mit einem verschwitzten T-Shirt, auf dem der Komponist abgebildet ist.

Persönliches Fazit

Das ersehnte Wiedersehen mit einer brilliant-unkonventionellen Ermittlerfigur verbleibt weniger spannend, als es sein könnte. Die an sich paßgenau auf ihn abgestimmte Gegenspielerin kann zu keinem Zeitpunkt das volle Ausmaß ihrer Bedrohlichkeit entfalten.

© Rezension: 2016, Wolfgang Brandner


Prey | James Carol | dtv Verlag
Übersetzt von Franka Reinhart
2016, 400 Seiten, ISBN: 978-3423216418
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