Rezension: Acht Berge | Paolo Cognetti

Dienstag, 21. November 2017 0 Kommentare

Der Ruf der Berge





Wagemutig erkunden Pietro und Bruno als Kinder die verlassenen Häuser des Bergdorfs, streifen an endlosen Sommertagen durch schattige Täler, folgen dem Wildbach bis zu seiner Quelle. Als Männer schlagen die Freunde verschiedene Wege ein. Der eine wird sein Heimatdorf nie verlassen, der andere zieht als Dokumentarfilmer in die Welt hinaus. Doch immer wieder kehrt Pietro in die Berge zurück, zu diesem Dasein in Stille, Ausdauer und Maßhalten. Er ringt mit Bruno um die Frage, welcher Weg der richtige ist. Stadt oder Land? Gehen oder Bleiben? Was zählt wirklich im Leben?. [© Text und Cover: DVA Verlag]

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Ich denke gerne zurück an Urlaub mit der ganzen Familie in den Bergen. Gerade für Kinder ist die grenzenlose Natur ein toller Spielplatz. Deshalb kommt auch Pietro mit seinen Eltern in ein Dörfchen in einem abgelegenen Hochtal, um dort den Sommer zu verbringen. Pietro ist ein in sich zurückgezogener Junge, daher dauert es einige Zeit, bis er sich mit dem einzigen Kind des Dorfes anfreundet. Umso enger wird diese Verbindung aber im Laufe der Zeit. Diese Freundschaft begleiten wir in diesem Roman, wenn auch mit längeren Pausen, denn Pietro wohnt mit seinen Eltern in der Großstadt, freut sich aber immer wenn es Sommer wird und er Bruno sehen kann.


Im ersten Teil des Buchs wird das Verhältnis von Pietro zu seinem Vater stark thematisiert. Kaum dass der Junge alt genug ist, nimmt sein Vater ihn mit auf seine Bergtouren und steckt ihn mit seiner Begeisterung dafür an. Ganz anders erlebt Pietro ihn in der Stadt. Dort ist er viel unausgeglichener und streitet sich öfter mit Pietros Mutter. Diese Schilderungen sind zwar für das Verständnis von Pietros späteren Ansichten und Entscheidungen wichtig, ich fand sie aber nicht so interessant, denn die Familienverhältnisse kamen mir doch recht normal vor. Erst ab der Hälfte des Buchs hat es mich dann gepackt, als die besondere Beziehung von Pietro zu den Bergen deutlich hervortritt.




Ich bin ja kein ausgesprochener Alpinist, aber Paolo Cognettis Darstellung der Bergwelt weckt bei mir die Lust, die Wanderstiefel zu schnüren. Er verfällt dabei keineswegs in kitschige Romantik, es ist eher ein rauer Charme, den er offenbart.

„Wolken verhüllten die Berge und ließen alles seltsam flach wirken. Aber selbst an einem Vormittag wie diesem konnte ich die Schönheit dieses Ortes erkennen. Es war eine düstere, raue Schönheit, die Kraft statt Frieden spendete und ein bisschen beklemmend war. Die Schattenseite der Schönheit sozusagen." (S. 118)

Das Dorf und sein Umfeld wirken morbide. Viele Häuser und Almhütten sind schon verfallen, denn die meisten Einwohner sind längst weggezogen, da es kaum möglich ist, sein Lebensunterhalt dort oben zu verdienen. Pietros Freund Bruno kann sich aber ein anderes Leben nicht vorstellen, auch wenn es für einen Großstadtbewohner primitiv wirken mag. Letztendlich muss jeder für sich selbst entscheiden, welche Lebensweise ihm mehr liegt: wie die Lemminge durch die Stadt wuseln oder einsam in den Bergen leben - wenn das nur so einfach wäre!




Paolo Cognettis Schreibstil ist eher schlicht, er verfängt sich nicht in literarischen Floskeln. Das macht den Roman angenehm ruhig und passt bestens zur stillen Atmosphäre der Berge. Damit spüre ich förmlich Pietros inneren Frieden, den er beispielsweise bei einem nächtlichen Gang durch den Wald empfindet.

Persönliches Fazit

Es hat zwar etwas gedauert, aber dann konnte mich „Acht Berge" mit seinem ruhigen Stil und dem rauen Charme fesseln. Paolo Cognetti zeigt uns eindrucksvoll und ohne Romantisierung was es bedeutet, in den Bergen zu leben. Ein starker Kontrast zum urbanen Leben, der nachhallt.

© Rezension: 2017, Marcus Kufner


Acht Berge | Paolo Cognetti | DVA Verlag
Aus dem Italienischen von Christiane Burkhardt
2017, gebunden, 256 Seiten, ISBN: 9783421047786

[marcus]

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