Rezension: Die Kinder | Wulf Dorn

Mittwoch, 27. Dezember 2017 0 Kommentare

Gebt den Kindern das Kommando



Auf einer abgelegenen Bergstraße wird die völlig verstörte Laura Schrader aus den Trümmern eines Wagens geborgen. Im Kofferraum entdecken die Retter eine grausam entstellte Leiche. Als die Polizei den Psychologen Robert Winter hinzuzieht, wird dieser mit dem rätselhaftesten Fall seiner Karriere konfrontiert: Die Geschichte, die Laura Schrader ihm erzählt, klingt unglaublich. Doch irgendwo innerhalb dieses Wahnkonstrukts muss die Wahrheit verborgen sein. Je weiter Robert vordringt, desto mehr muss er erkennen, dass die Gefahr, vor der Laura Schrader warnt, weitaus erschreckender ist als jeder Wahn. [Text & Cover: © Heyne Verlag]

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ACHUNG: DIESE REZENSION ENTHÄLT SPOILER


Regen. 
Zwielicht.
Eine verlassene Bergstraße.
Und ein verunfalltes Auto mit einer Schwerverletzten und einer Leiche im Kofferraum.

Bereits mit dem Auftakt seines neuen Thrillers gibt Wulf Dorn klar zu verstehen, daß er im Kampf um die Aufmerksamkeit des Lesers keine Konkurrenz duldet. Die Vernehmung der überlebenden Marketingagentin Laura Schrader durch einen Gerichtspsychologen bildet dabei den Rahmen, in den stückweisen Rückblicken entrollt sich die Handlung: Allerorts stehen plötzlich Kinder auf unerklärliche Weise in Kontakt zueinander, verhalten sich abweisend, geradezu aggressiv gegenüber Erwachsenen. Als diese Veränderung sich schließlich auch in Bluttaten zu manifestieren beginnt, drängt sich spontant der Verdacht auf, der Autor habe Sebastian Fitzek, seines Zeichens Routinier im Fach Psychothriller, übertreffen wollen. In dessen Roman "Das Kind" offenbart sich ein Zehnjähriger als Mörder - die Steigerung findet sich also nicht nur im Titel, sondern auch in der Handlung. 

Wie Fitzek reüssierte auch Wulf Dorn mit raffiniert komponierten Handlungen, die sich drehen, den Wirklichkeitsbegriff sowohl der Figuren als auch der Leser mehrfach infrage stellen, die sich Schicht für Schicht wie eine Zwiebel häuten. Und wie Fitzek (der mit "Noah" vor allem seine Leser überraschte), scheint auch Dorn nicht bereit, sich auf diese Form der Erzählung festzulegen, sondern stellt sich mit seinem aktuellen Titel nach seinen Jugendromanen dem erwachsenen Publikum neu vor. Im Vergleich etwa zu "Trigger", "Kalte Stille" und "Dunkler Wahn" ist "Die Kinder" linear und chronologisch geordnet erzählt. Was der Leser mit immer mulmigerem Gefühl zu erahnen beginnt, entpuppt sich tatsächlich als Kern des Romans, die große Überraschung besteht darin, daß große Überraschungen ausbleiben. 

"85 Tote bei Bombenanschlag"
"Babyleiche in Mülltonne entdeckt"
"Erneut Raketentests in Nordkorea"
"Syrisches Krankenhaus bombardiert" 
(S. 68)

Mit erschreckend aktuellen Schlagzeilen will der Autor seine Leser jenen Schluß zielen lassen, der den Antrieb des Romans bildet: Die Gesellschaft ist dekadent, von innen heraus verrottet, Erwachsene sind nicht in der Lage, ein friedliches Zusammenleben zu gewährleisten. Die Sozialkritik verbleibt jedoch im Ansatz, wird zu wenig eindringlich vorgetragen, um den Leser an jenen Punkt zu treiben, an dem die gewaltsame Lösung des Generationenkonflikts als einzige Lösung der Situation akzeptiert wird. Obwohl die Illusion des kurzfristigen Konsumglücks mit dem Elend von Kindern in vielen Teilen der Welt kontrastiert wird, scheint das Fundament des Romans zu wenig tragfähig für eine derart radikale Folgerung. Zudem verbleiben zu viele offene Fragen, wenn eine Welt ohne Erwachsene als Idealzustand skizziert wird: Wo wird die Altersgrenze gezogen, ab der ein Kind als erwachsen gilt? Warum soll der Zustand der Gewaltlosigkeit gerade durch Gewalt erreicht werden? Und wie sollen die Annehmlichkeiten komplexer zivilisatorischer Errungenschaften aufrechterhalten werden, wenn doch dafür umfangreiches Wissen und Kompetenzen erforderlich sind?

Unklar bleibt auch das auslösende Moment für den kollektiven Aufstand der Kinder und die Wahl des Zeitpunktes für die verschärften Kontrollen an der Altersgrenze. Der Ansatz einer rationalen Erklärung auf den letzten Seitens wirkt daher wie der Versuch einer Vollbremsung vor der Logikmauer. 

Ist man bereit, die Voraussetzungen des Romans zu akzeptieren, erlebt man Wulf Dorn als brillianten Erzähler, der das Spiel mit Vorausdeutungen und offenen Kapitelenden souverän beherrscht und beinahe genüßlich den Leser vor spielenden Kindern auf einer Schmetterlingswiese das Fürchten lehrt. 

Persönliches Fazit 

Wäre zwischen den Buchdeckeln kein hochspannender Roman, sondern eine Musik-CD zu finden, würde Herbert Grönemeyers "Kinder an die Macht" zur Melodie von "Bad Moon Rising" aus den Lautsprechern hallen.

© Rezension: 2017, Wolfgang Brandner


Die Kinder | Wulf Dorn | Heyne
2017, Klappbroschur, 320 Seiten, ISBN: 978-3-453-27094-7

[wolfgang]

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