Rezension: Housesitter | Andreas Winkelmann

Dienstag, 2. Januar 2018 0 Kommentare



Er will dein Haus. Er will deine Frau. Er will dein Leben. Er ist der Housesitter
Stell dir vor, du kommst mit deiner Freundin aus dem Urlaub in dein Haus zurück. Du merkst sofort, dass irgendetwas anders ist: Die Möbel sind verrückt. In der Küche stehen benutzte Töpfe. Die Handtücher riechen fremd.
Dann spürst du einen jähen Schmerz - und es wird Nacht um dich.
Stell dir vor, du wachst erst nach Tagen im Krankenhaus auf.
Deine Freundin ist verschwunden - entführt.
Denn da draußen ist jemand, der sich nach einem warmen Heim sehnt. Nach einer liebenden Frau. Nach deinem Leben. Und er ist zu allem entschlossen... [Text & Cover: Wunderlich]

[trennlinie]

Ein Mann dringt in fremde Häuser ein, nachdem er die Gewohnheiten deren Bewohner ausspioniert hat. Während sie auf Urlaub sind, nimmt er deren Platz ein, erkundet deren Gewohnheiten anhand ihrer Alltagsgegenstände, dürchwühlt jede Schublade, lüftet jedes Geheimnis. Er durchbricht alle gesellschaftlich etablierten Grenzen der Privatsphäre, beraubt seine Opfer ihres intimsten Schutzes. Daß nach Einbrüchen die seelischen Schäden weitaus schwieriger zu beheben sind als die materiellen, ist bekannt. In seinem aktuellen Thriller wählt Andreas Winkelmann diesen Umstand als Ausgangspunkt und schafft mit einem Täter, der seinen Opfern eben diese Form intimen Leides zufügt, eine beängstigende Figur.

Die Biographie eines Mannes, dessen Kindheit und Jugend von Gewalt und unerfüllten Sehnsüchten geprägt ist, bildet dabei das Rückgrat des Romans. Episodenartig erzählt der Autor von einem rohen Stiefvater, ständig auf der Suche nach einem Ventil für seinen eigenen Frust, von erstickten kindlichen Hoffnungen, von beruflichen und amourösen Enttäuschungen. Mit der Zeit wird eine Persönlichkeit geschmiedet, deren soziale Entwicklung nicht mit der geistigen Schritt halten kann. Schließlich sind die empathischen Fähigkeiten des Mannes auf eine Weise unterentwickelt, die ihn zu einem kalten Wesen werden lassen, nicht in der Lage, den Schmerz zu begreifen, den es verursacht. Diese Geschichte wird in regelmäßigen Rückblenden erzählt, jeweils ausgelöst durch Sinneswahrnehmungen wie Gerüche oder Geräusche, einerseits eine stilistisch elegante Überleitung, andererseits das Instinkthafte des Täters noch verstärkend.

Sein Name bleibt dem Leser lange Zeit unbekannt, was zusätzlich den Mangel an Selbstbewußtsein und Individualität verdeutlicht. Nicht zuletzt diese Unzulänglichkeiten will er kompensieren, indem er sich die Persönlichkeiten fremder Menschen wie deren nicht ganz passende Kleidung anlegen möchte. Gerade diesen Aspekt, den Raub all dessen, was einen Menschen unverwechselbar macht, durch einen Fremden, hätte der Autor noch stärker betonen und das unbehagliche Szenario noch verstörender gestalten können.

Diesem Täter gegenüber ist Thomas Bennett positioniert, der dessen Angriff nur mit Glück überlebt und der seit seiner Entlassung aus dem Krankenhaus alle Energie darauf richtet, seine entführte Freundin wiederzufinden. Durch die zuweilen zu naiv und stereotyp agierenden Nebenfiguren wird Thomas eine besonders breite Bühne geboten, seine Absichten schließlich bis zum Rachedurst eskalieren zu lassen. Zu Beginn lebt er mit seiner Frau in einem Teil der Stadt mit überdurchschnittlich hohen Grundstückspreisen. Als Eigentümer einer Personalvermittlungsfirma drücken ihn einerseits keine finanziellen Sorgen, und andererseits übt er in dieser Position genau jene Art von Macht aus, unter der sein Widersacher stets zu leiden hat. Thomas ist also das aktive Subjekt, während sein lange namenloses Gegenüber als passives Objekt verbleibt. Mit dem Überfall wird diese Rollenverteilung schlagartig umgekehrt.

Das aus dem Kontrast der beiden Persönlichkeiten erzeugte Spannungsfeld treibt schließlich die Geschichte an, die Reise gestaltet sich aber zuweilen als holprig, wenn sprachliche Unschärfen das hohe Tempo wieder drosseln. So spricht beispielsweise die neutrale Erzählerinstanz in einem Umgangston, der eigentlich den Figuren zuzuschreiben wäre:
"Sein Kopf steckte zwischen den Hortensien, den Hintern streckte er in die Höhe." (S. 180)

Auch erschließt sich die Bedeutung von Ausdrücken, die nur in Teilen des deutschen Sprachraums geläufig sind, oft nur aus dem Zusammenhang. Begriffe wie etwa Kreisel, Tinnef oder das sächliche Geschlecht für "Kaugummi" ziehen unnötig Aufmerksamkeit von der Handlung ab.

Zuweilen wirken Sätze aufgrund der Wortstellung ungelenk:
"... davor eine große Werbetafel, auf der eine hinreißende Schwarzhaarige Werbung machte für Magnum-Eis." (S. 162) In der vorliegenden Form klingt der Satz wie eine wörtliche Übersetzung aus dem englischen, die Form "... Werbung für Magnum-Eis machte", wäre die geläufigere. Während in der englischen Grammatik auch in Nebensätzen die Ordnung "Subjekt - Prädikat - Objekt" gilt, steht in deutschen das Prädikat an letzter Stelle.
Auch der Relativsatz "... dessen Gesicht verdeckt war von einer großen Teppichrolle ..." (S. 160) würde  durch Umgruppierung der Satzglieder ("... dessen Gesicht von einer großen Teppichrolle verdeckt war ...) den Erzählfluß nicht mehr in Stocken bringen.

Als wäre der Autor noch zaghaft, findet der Informationsaustausch zwischen den Figuren im Rückblick statt. Dialoge werden gerafft wiedergegeben, die dynamische direkte Rede wird oft durch die statische indirekte ersetzt. Indem Figuren anhand ihrer Eigenschaften beschrieben werden, anstatt diese in der jeweiligen Situation zu erproben, wird außerdem der Spielraum eingeschränkt, sie dem Leser lebendig vorzuführen.

Persönliches Fazit

Ein beklemmendes Szenario reißt den Leser in seinen Bann, stilistische Unschärfen in der Erzählung lösen diesen Bann wieder.

© Rezension: 2017, Wolfgang Brandner


Housesitter | Andreas Winklemann | Wunderlich
2017, Hardcover, 496 Seiten, ISBN: 978-3-8052-5102-0

[wolfgang]  

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